https://www.faz.net/-gqz-7ll6s

Oper auf dem Dorf : Für Wölfe ist kein Platz in Klein Leppin

Wer glaubt, in der Provinz gäbe es keine Kunst, irrt. 2011 inszenierten die Klein Leppiner „King Arthur“ Bild: Miriam Freudig

In jedem Sommer inszenieren die siebzig Bewohner des brandenburgischen Dorfes Klein Leppin eine Oper - und locken damit Hunderte von Besuchern aus den Städten an. Ein Fotoband dokumentiert nun das kleine Musik-Wunder.

          2 Min.

          Ein Ort in der Prignitz. Der Ort heißt Klein Leppin und ist umgeben von brandenburgischer Einsamkeit. Felder, Wald, Wiesen, ansonsten gibt es nicht viel hier, weshalb auch die Nachrichten, die uns aus Gegenden wie diesen erreichen, nicht nach Zukunft klingen, sondern nach einem langsamen Sterben. Wer kann, geht. Zurückkommen, das tun eigentlich nur die Wölfe. In Klein Leppin aber halten die Menschen nicht viel davon, ihr Gemüt von der ökonomischen Tristesse beherrschen zu lassen, sich in der Langeweile einzugraben. An jedem totgesagten Ort kann etwas Neues entstehen, es muss nur genügend Menschen geben, die es wollen. Manchmal ist es tatsächlich so einfach.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die siebzig Klein Leppiner haben es bewiesen. Die Geschichte ihrer Oper begann mit einem ehemaligen, heruntergekommenen Schweinestall und ein paar zugezogenen Musikern, die ihren neuen Nachbarn Nachhilfeunterricht geben wollten in Sachen Musik. Das klingt erst einmal nicht nach ernstzunehmender Kunst, sondern irgendwie putzig, ein musizierendes Dorf eben. In der Regel nehmen wir nur die großen, bedeutenden Aufführungen in großen, bedeutenden Häusern wahr.

          Darüber haben wir den Blick für die Ränder verloren. Um es kurz zu machen: Heute, im Jahr sieben nach der Umfunktionierung des Schweinestalls in einen Aufführungsraum, fallen während der Vorstellungszeit im Juni bis zu achthundert Menschen in Klein Leppin ein. Sie besetzen das Dorf regelrecht. Eine Invasion Musikbegeisterter.

          „Was tue ich hier eigentlich?“

          Eines Tages reiste auch die Fotografin Miriam Freudig aus Berlin an, mit einer Mischung aus Skepsis und Offenheit, unsicher, was dieser Ort ihr geben sollte. „Sehnsüchte wurden geweckt nach einem Leben auf dem Land, nach Weite und Ruhe, genauso wie Ängste - bei nächtlichen Autofahrten im Nebel, mutterseelenallein auf der Landstraße. Nichts wie zurück in die Stadt. Es blieb die Ambivalenz“, schreibt sie in ihrem schmalen, feinen Buch „Was ist denn mit Oper“ (Verlag Kettler). Immer wieder zog es sie nach Klein Leppin, als Dokumentaristin einer kreativen Anstrengung, an der es nichts wegzulächeln gibt.

          Die Fotos sind zwischen 2011 und 2013 entstanden, als in Klein Leppin die Opern „King Arthur“ von Henry Purcell, „Der Wildschütz“ von Albert Lortzing sowie „L’Enfant et les Sortilèges“ von Maurice Ravel aufgeführt worden sind. Und sie alle erzählen eine Geschichte: dass es den Menschen ernst ist mit ihrer Oper. Man erkennt das zum Beispiel an den feingearbeiteten Kostümen, an den konzentrierten Blicken, der Angespanntheit vor dem Auftritt. Man erkennt es aber auch an der Unsicherheit, die sich in manche Gesichter geschlichen hat. Einmal sitzt eine Frau vor einem Spiegel, ihr Gesicht ist weiß geschminkt, die Lippen leuchten rot, und sie selbst sieht sich an, als fragte sie sich: Was tue ich hier eigentlich?

          Der nächste Juni kommt bestimmt

          Auf der Homepage von Festland e.V. (Verein zur Förderung des kulturellen Lebens) steht: „Jedes Jahr aufs Neue beteiligen sich die Bewohner in den Diskussionen um den Sinn eines solchen Mammutprojektes, doch jedes Jahr endet diese Diskussion auch mit der immer wiederkehrenden Frage - und was machen wir im nächsten Jahr?“ Vielleicht den Freischütz? Romeo und Julia?

          Die Oper, die auch als Nachbarschaftskitt dient, ist die eine Seite Klein Leppins. Der Alltag, die Arbeit auf dem Feld, die Kartoffelernte und eine Landschaft, in der man leicht melancholisch werden kann, ist die andere. Miriam Freudig vergisst sie nicht. Denn auch das wird klar: Jede Idealisierung ist hier fehl am Platz. „Man kann“, zitiert das Buch einen Landwirt „im Winter hier keinen sehen, wochenlang nicht. Die einen, die noch Arbeit haben, sind weg, und die anderen sind drin, weil es kalt ist.“ Aber der Juni, er kommt.

          Weitere Themen

          Künstlerin der Nacht Video-Seite öffnen

          Malen in der Dunkelheit : Künstlerin der Nacht

          Die Künstlerin Silke Silkeborg stellt sich seit zehn Jahren der Herausforderung, die Nacht zu malen. Mehrmals in der Woche setzt sie sich mit ihrer Leinwand in die Dunkelheit und malt das, was es trotzdem zu sehen gibt.

          Was war das denn?

          Florian Illies` Rowohlt-Abgang : Was war das denn?

          Der Abgang von Florian Illies beim Rowohlt lässt den Verlag nicht gut dastehen. Nun äußern sich die Schriftsteller Daniel Kehlmann, Eugen Ruge und Lucy Fricke zu der Posse.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.