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Open Data : Selbstkritische Töne auf der Cebit

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Besuch auf der Cebit in dieser Woche Bild: dpa

Auch auf der Cebit wird über die Vor- und Nachteile der Datensammelwut von Behörden und Firmen debattiert. Nigel Shadbolt, Vorsitzender der Open Data Foundation, forderte mehr Verantwortungsbewusstsein von Unternehmen.

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          Als Nigel Shadbolt, Vorsitzender der Open Data Foundation, an diesem Morgen zusammen mit dem amerikanischen Deutsche-Welle Journalisten Brent Goff die Hauptbühne der Cebit betrat, war nicht abzusehen, welchen Verlauf ihr Gespräch noch nehmen sollte. Denn zunächst erklärte Shadbolt die Vorzüge von Open Data und betonte, was in solchen Fällen eigentlich immer betont wird: Der wirtschaftliche Nutzen von behördlichen Daten sei riesig (dafür gebe es Beispiele); ihre gesammelten Informationen sollten Bürgern vollumfänglich zugänglich gemacht werden, weil sie ihnen letztendlich auch gehörten (dafür gebe es Beispiele) und falls das endlich einmal geschehe, werde sich die Effizienz von fast allem erhöhen (Beispiele würden folgen).

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Dann aber sprach ihn Goff auf das erste Live-Gespräch Edward Snowdens beim derzeit in Texas stattfindenden „South by Southwest“-Festival an, und setzte damit eine Diskussion in Gang, die man auf einer technikaffinen Messe wie die Cebit bislang eher seltener gesehen haben dürfte. Über die Geheimdienste wurde dabei nur wenig gesprochen: Shadbolt betonte zwar, die Proportionalität der Überwachungsprogramme müsse gewährleistet bleiben und die Bürger müssten in der Lage sein, zu wissen, „was in ihrem Namen getan werde“.

          Die ethische Verantwortung der Unternehmen aber sei um ein Vielfaches größer. In den nächsten Jahren werde man mehr und mehr Beispiele von „Life-Logging“ sehen, also von Personen, die jeden Aspekt ihres Lebens mit anderen teilen: Menschen würden zur Ausstellungsobjekten.

          Darauf habe man zwar keinen Einfluss, wohl aber, wie andere mit diesen Daten umgingen. Im englischen Recht auf Privatsphäre gebe es das Prinzip der „angemessen Erwartung“. Die Gefahr bestehe darin, sie kollektiv zu verändern. „Wenn sie die Messlatte herabsetzen, was mit ihren Informationen möglich ist, dann werden sie schließlich auch die Messlatte der Erwartungen herabsetzen.“ Es droht eine Entwöhnung vom Konzept der Privatspähre.

          Wie aber sei das zu erreichen, an wen solle man sich wenden, fragte Goff. Wenn es eine „Magna-Carta“ des Internets brauche, wo sei der König, der über ihre Umsetzung wache? Shadbolt versuchte den Einwand wegzulachen und erinnerte an die Aufklärung. Die Welt müsse eine breite Debatte über eine neue, „digitale Aufklärung“ führen. Aber Goff ließ nicht locker: Wer setze ihre Ideen dann um, David Cameron, Barack Obama, der UN-Generalsekretär oder gar Mark Zuckerberg? Am besten alle zusammen, antwortete Shadbolt ganz unironisch.

          Erst im vergangenen November fand in Berlin die erste TechCrunch-Konferenz auf deutschen Boden statt: eine champagnerselige Veranstaltung, mit der die deutsche Gründerszene versuchte, die Selbstsicherheit und den Glanz von Silicon Valley nachzuahmen. Bei der Präsentation der Apps war Datenschutz eher ein Randthema. Technik-Evangelisten wie Robert Scoble, die ihr Google-Glass nur zum Schlafen absetzen und Duschfotos veröffentlichen, um zu beweisen, dass die Brille wasserdicht ist, scheinen in der Szene bislang eher die Regel zu sein als eine Ausnahme.

          „Wir müssen die Grenzen im Auge behalten“

          Im Vergleich dazu sind die selbstkritischen Töne auf der diesjährigen Cebit ein echtes Novum: Goff rechnete ab mit dem Selbstverständnis, dass sich in den letzten fünfundzwanzig Jahren breit gemacht habe: „Es ging immer nur um die Technologie, um Maximierung, darum, etwas zu tun, weil man es kann.“ Shadbolt gab das unumwunden zu: Ein Ziel erreichen zu können, dürfe heute nicht mehr heißen, es auch ohne jede Selbstbeschränkung zu verfolgen.

          Er forderte eine Ethik-Kommission nach dem Muster des Warnock-Komittees  in Großbritannien, das in den Siebziger und Achtziger Jahren über die heute längst bestehenden Möglichkeit der künstlichen Befruchtung debattierte. Denn von künstlicher Intelligenz sei man zwar weit entfernt, aber mit dem Internet habe man eine soziale Maschine geschaffen, ein Mischwesen, dass unsere kollektive Intelligenz erweitere. „Wir müssen seine Grenzen im Auge behalten“, sagte Shadbolt abschließend. Kein schlechter Auftakt für eine Technikmesse.

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