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Literarische Jazz-Performance : Oh, oh, Oobliadooh!

  • -Aktualisiert am

Erweckt den Sound des Romans von 1966 zu neuem Leben: Schlagzeuger Günter „Baby Sommer“ Bild: Enjoy Jazz

Sich wegträumen, bis das Dach abhebt: Eine literarische Jazz-Performance zu Fritz Rudolf Fries in Heidelberg lässt mit Günter „Baby“ Sommer und Simon Lucaciu den Roman „Auf dem Weg nach Oobliadooh“ wieder aufleben.

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          Im Musiklexikon der DDR von 1966 hatte der Bebop keinen guten Stand. Er sei eine Anti-Volksmusik mit „ausgeprägt snobistischen Neigungen“, heißt es dort, die unter Missachtung des Publikums vorgetragen werde von „neurotischen Individuen“, die sich austoben wollten: Gerade zitiert der Kritiker Helmut Böttiger diese Zeilen, da setzen wildes Schlagzeug- und Klavierspiel ein, wie um den Befund ironisch zu bestätigen.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Wir befinden uns in einer Performance zu Fritz Rudolf Fries’ Roman „Der Weg nach Oobliadooh“, dessen Titel auf das von Dizzy Gillespie bekannt gemachte Stück „In the Land of Oo-Bla-Dee“ anspielt. Das Buch erschien 1966 bei Suhrkamp, war aber eigentlich eines aus der und über die DDR, wo es nicht erscheinen durfte. Schlimmer noch, sein Erscheinen im Westen verbaute dem Autor die Karriere, er wurde geächtet und hatte fortan keine Chance mehr, als Schriftsteller zu reüssieren. Für eine Ausreise war es, zehn Jahre vor dem „Drübenbleiben“ Wolf Biermanns, noch viel zu früh.

          Was hatte Fries getan? Er hatte mit dem Roman eine Hommage an ebendie Musik geschrieben, die dem Zentralkomitee als dekadent galt (für Erich Honecker war das höchste der Gefühle eine „gepflegte Beatmusik“). Und Fries hatte mit den Hauptfiguren Peter Arlecq und Klaus Paasch zwei Jazzliebhaber geschaffen, die sich wegträumen aus ihrer Gesellschaft und, konkreter, aus dem kalten Leipzig in einen Sommer südlich der eigenen Stadt: Das ist ihnen unter den Gegebenheiten ihres Staates nur möglich mit dem „bibliophilen Blick, der durch Jahrtausende reicht“ und der auch durch verbotene „Westlektüre“ befördert wird.

          Fritz Rudolf Fries (1935 bis 2014)
          Fritz Rudolf Fries (1935 bis 2014) : Bild: Picture-Alliance

          Diesen Blick neu zu öffnen und noch dazu synästhetisch zu verbinden mit Klang gelingt beim Festival „Enjoy Jazz“ auf das Schönste und Prägnanteste, mit Böttiger als Conférencier, der teils Hintergründe zum Roman vorträgt, dann aber auch Passagen daraus. Schnell wird deutlich bei der Heidelberger Performance in einem alten Bahnbetriebswerk: Der Roman beschreibt nicht nur Jazz, er ist Jazz. Auf einmal schweben wiederkehrende Textbausteine im Raum – „Paasch hatte getrunken, spielte Klavier“, „nüchtern spielte er nie“, „noch kreiste Musik in ihm“, „nur war Arlecq nüchtern“. Von einem „Klavier der Seligen ist die Rede“, und jemand spielt „dem Gebäude das Dach ab“.

          Der 78 Jahre alte Freejazz-Pionier Günter „Baby“ Sommer tut alles dazu, das glaubhaft zu machen, ziegenbärtig im offenen Hemd, mal mit Stöcken und mal mit den bloßen Händen seine Felle und Becken traktierend. Und der junge Leipziger Pianist Simon Lucaciu am Flügel nimmt alert Textsignale auf und überführt sie in Musik, etwa das kurz aufblitzende Zitat des Jazzstandards „Salt Peanuts“ mit seinem charakteristischen Sprung; Böttiger mit seiner sonoren Stimme wirkt dagegen als Ruhepol, dann auch noch Anklänge im Roman an Freud, Proust und Jean Paul offenlegend.

          Das anschließend noch Referierte allerdings ist aller Träume Ende. Die beiden „Commedia-dell’arte-Figuren bewegen sich weg vom Jazz, hinein in die DDR“ und sogar ins Irrenhaus, erfährt man. Nein, für sie und für ihren Autor Fries ging es nicht so gut aus. „Er blieb im Hintergrund“, heißt es lakonisch, während die Musiker „Something Else“ intonieren. Fries starb 2014 in Petershagen bei Berlin. Weiterwandern auf dem Weg nach Oobliadoh kann zum Glück, wer eine antiquarische Ausgabe seines Romans oder die bibliophile Wiederauflage in der „Anderen Bibliothek“ (2012) in die Finger bekommt.

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