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Online-Enzyklopädie Docupedia : Mit einem Klick in die Zeitgeschichte

  • -Aktualisiert am

Alternativer zum Bibliotheksgang: die Online-Enzyklopädie „Docupedia” bietet Literatur und Überblick zur zeitgeschichtlichen Forschung Bild: picture-alliance/ dpa

So hart die Kritik an Wikipedia ist, so konzeptuell ausgefeilt ist nun das geschichtswissenschaftliche Pendant: Historiker verschaffen ihrer Disziplin mit dem Online-Lexikon „Docupedia“ Anschluss an das digitale Zeitalter.

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          Wer begibt sich noch gerne in eine Bibliothek, wenn Wissenschaft vom heimischen Schreibtisch aus zugänglich ist? Das umständliche Kopieren von Literatur zum aktuellen Forschungsstand in den Universitätsbibliotheken kann nun in die zweite Reihe gerückt werden - aber auch nicht weiter. Denn das vor wenigen Monaten gestartete Online-Nachschlagewerk „Docupedia Zeitgeschichte“ verspricht mit einem Klick Einblick in den aktuellen Stand der zeitgeschichtlichen Forschung zu geben.

          „Docupedia“ verdankt sich der Zusammenarbeit des Potsdamer Zentrums für zeithistorische Forschung, des Instituts für Geschichtswissenschaft der Humboldt Universität Berlin und deren Computer- und Medienservice. Es soll nach dem Willen seiner Gründer wesentliche Bereiche der Zeitgeschichte abdecken. Der erste Blick zeigt einen umfassenden und methodisch ambitionierten Zugang, der in seiner perspektivischen Vielfalt und dem Niveau seiner Einzelbeiträge beeindruckt: „Docupedia“ bietet ausführliche Referate über die theoretischen Grundlagen der Geschichtswissenschaft, es gibt Einblicke in die wichtigsten Forschungsfelder und Methoden, es erörtert die zeitgeschichtlichen Leitbegriffe, behandelt Kontroversen und bezieht Nachbardisziplinen ein. Wenngleich die verschiedenen Kategorien bislang noch sehr unterschiedlich gut bestückt sind, lassen Aufbau und Standard bisheriger Veröffentlichungen eine maßgebliche Stütze für die zeithistorische Forschung erwarten.

          Obwohl so gut wie jeder Geschichtsprofessor von der Nutzung Wikipedias abrät, hat man bei „Docupedia“ doch das kollaborative Konzept der Online-Enzyklopädie aufgegriffen. Man will dabei aber aus den Schwächen Wikipedias lernen: Anders als bei dem oft kritisierten Online-Nachschlagewerk werden in „Docupedia Zeitgeschichte“ nur geprüfte Beiträge eingestellt. Jeder Artikel durchläuft wissenschaftliche Prüfungen durch die Redaktion und die Herausgeber.

          Plattform für fachinterne Diskussionen

          Deswegen kann bei „Docupedia“ auch nicht jeder einen Beitrag veröffentlichen. Wer mitschreiben will, sollte mindestens fortgeschrittener Student der Geschichte sein. Fachliche Kompetenz ist Gewähr für Qualität, weshalb Beiträge entweder von der „Docupedia“-Redaktion angeworben oder von den Herausgebern vorgeschlagen werden. Momentan sind 300 Beiträge geplant und seit der Freischaltung Mitte Februar etwa 35 veröffentlicht.

          Die besondere Stärke des Online-Nachschlagewerks liegt in seiner Themenvielfalt. Nutzer können sich unter anderem über „Global History“, Erinnerungskulturen und Antisemitismusforschung informieren. Artikel zu Personen oder Ereignissen wie der „Mauerbau“ werden bewusst ausgeklammert. „Für solche Themen gibt es ausreichend andere Webseiten“, sagte „Docupedia“-Leiter Jürgen Danyel, der auch stellvertretender Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam ist. „Docupedia“ stützt sich auf Begriffe, die schon seit langem in der Zeitgeschichtsforschung etabliert sind wie „Herrschaft“ oder „Diktatur“, oder eben solche, die von Historikern in den letzten Jahren entwickelt wurden. Zu nennen wären Begriffe, die vor allem in den Bereichen Erinnerungskultur und den Sozialwissenschaften zu finden sind wie „Social Engineering“ oder „Visual History“.

          Diskussion als Mittel zur Selbstreflexion

          Zum Diskutieren wird auf „Docupedia“ ebenso viel Platz geboten wie für die Beiträge. Registrierte Nutzer können alle Beiträge auf der eigens dafür erstellten Diskussionsseite kommentieren. „Durch Diskussionen entstehen oft Themen, die ursprünglich nicht vorgesehen waren“, sagte Danyel. „Außerdem sind sie das beste Mittel zur Selbstreflexion.“ Autoren können Beiträge anderer Wissenschaftler auch durch sogenannte „Co-Artikel“ ergänzen und die zeitgeschichtliche Forschung so zu einem dynamischen Prozess machen.

          Die 39 Herausgeber der neuen Online-Enzyklopädie sind vor allem Professoren, die sich durch innovative Ansätze einen Namen unter Geschichtswissenschaftlern gemacht haben. Das Redaktionsteam besteht aus drei wissenschaftlichen Mitarbeitern des ZZF und dem Soziologen Danyel.

          Gerade für Geschichtsstudenten kann „Docupedia“ eine große Hilfe sein: Nicht nur, um den aktuellen Stand der Forschung zu erfahren, sondern auch um selbst weiterzuforschen. Neben jedem Beitrag sind nützliche Tipps wie Webressourcen, Tagungsberichte und Forscher verlinkt. Noch interessanter dürften die Literaturhinweise sein, die zusätzlich zum regulären Literaturverzeichnis eines jeden Texts dort angegeben werden.

          Kein Gegenentwurf zur Verlagswelt

          In Zukunft wird auf „Docupedia“ auch eine Quellensammlung bereitstehen, die sich vor allem durch einen großen Fundus audiovisuelle Quellen auszeichnen soll. „Vielleicht könnte daraus eine Mediathek für zeithistorische Quellen entstehen“, so Danyel. „Docupedia soll aber kein Gegenentwurf zur Verlagswelt sein“, sagte der „Docupedia“-Projektleiter. Ob die Beiträge einmal gedruckt werden, sei noch unklar. Das hänge stark von der Entwicklung der Verlagswelt ab. „Vielleicht kommt ja ein Verlag auf uns zu.“

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