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Online-Dating : Was weiß der Algorithmus von der Liebe?

  • -Aktualisiert am

Die Autorin und die Website von OkCupid. Bild: Pein, Andreas

Wo findet man den richtigen Partner: in einer Bar oder auf der Straße? Seit es das Portal OkCupid gibt, suchen die Amerikaner die Liebe nur noch im Internet. Höchste Zeit für einen Selbstversuch in Amerika.

          6 Min.

          Hätte der Puerto Ricaner aus Queens nicht noch diese eine Nachricht hinterhergeschickt, ich hätte mich mit ihm in Brooklyn getroffen. Das Foto, das er auf die Onlinedating-Seite gestellt hatte, war nett, und ich fand es interessant, dass er Kriminologie studiert. Einen Abend mit einem Mann, den ich, diesseits des Internets, niemals kennenlernen würde?

          Kurz bevor ich mich zum ersten Date aufmache, muss der Mann aber noch diese Nachricht in meine Inbox schicken: Er fragt mich, ob wir uns nicht bei mir treffen wollen. Video gucken, kuscheln, Spaß haben. Das sind die Worte.

          Entschuldigung, schreibe ich, aber da hast du etwas falsch verstanden, ich möchte dich wirklich kennenlernen. Das will der angehende Polizist auch, nur möchte er auf dem Weg zu meinem Bett keinen Umweg gehen. Ich entschuldige mich noch einmal. Er nennt mich eine Lügnerin.

          Worauf habe ich mich da eingelassen? Und wieso? Onlinedating, wer kommt denn auf so eine Idee.

          Ein Mann aus dem Einkaufskorb

          Schuld war meine Großmutter. Vor einem Jahr hatte sie mir einen Briefumschlag zugeschickt und Artikel aus einer Tageszeitung darin verstaut. Ihre Botschaft: Du brauchst einen Mann, und den findest du im Internet. Verübeln konnte ich ihr diesen Brief damals nicht. Sie ignorierte, wie immer, die Beziehung, die ich hatte. Sie, die in einem Altersheim in Hamburg wohnt, meinte das Internet zu kennen, und mich auch: Sie fand, ich sollte das mal ausprobieren.

          Ich kannte, als mich der Brief meiner Großmutter erreichte, niemanden zwischen 25 und 35, der sich online zu Dates verabredete; niemanden jedenfalls, der das zugegeben hätte. Die Leute, so sagt man doch in unseren Kreisen, haben zu viel Humor und zu viel Zukunft, als dass sie an ihrer Einsamkeit verzweifelten; und sie sind viel zu romantisch, als dass sie ihr privates Glück dem Rechenzentrum einer Maschine anvertrauen wollten. Eine Internetseite, auf der ich mir den richtigen Mann zusammenstelle wie den Einkaufskorb im Supermarkt - denn nichts anderes konnte dieser Vorgang sein, bei dem Männer und Frauen nach Übereinstimmungsmerkmalen verknüpft werden -, so eine Internetseite widersprach der Idee, die wir uns von Liebe und Abenteuern und damit wohl auch von uns selbst machten.

          Alle machen mit

          Das dachte ich, bis ich meine Freundin Lola in New York besuchte. Sie ist hübsch, sehr lustig und denkt für einen Think Tank über Designfragen nach. Sie wird täglich von zwei Männern angesprochen und ist lange nicht so verklemmt wie ich. Und dann saß sie am Tisch und amüsierte sich über eine Nachricht, die ihr über das Online-Portal OkCupid zugeschickt wurde.

          - Was ist das?

          - Wie, das kennst du nicht?

          - Nein, sagte ich.

          Das macht in New York jeder, das hat alles verändert, das musst du auch mal ausprobieren. Lola hatte ein Profil und verabredete sich wöchentlich mit fremden Männern. Warum, fragte ich.

          - Es macht Spaß. Erweitert die Optionen.

          Wenn ich mich in Berlin in so einem Portal anmelden würde und meine Fotos veröffentlichte, würde ich mich nicht mehr auf die Straße trauen. „Suche Freund“, stünde auf meiner Stirn geschrieben. Was ist anders an dieser Seite?

          Keine Ahnung, sagte Lola. Sie kostet nichts. Man muss lustige Fragen beantworten. Ich meine: Warum gehst du in die eine Bar und nicht in die andere?

          Der Algorithmus soll helfen

          OkCupid heißt die Seite, und ich habe es für meine Großmutter getan. Und weil ich nicht dort war, wo mich alle kennen. Und weil eine deutsche Freundin mitmachte, der diese ganze Internet-Dating-Sache so fremd war wie mir.

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