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Online-Ausstellung : Aufbruch mit "Brücke"

  • -Aktualisiert am

Max Pechstein, eine Tänzerin tanzt vor dem Spiegel, Holzschnitt 1923 (Screen-Shot) Bild: moma.org

Wer wissen will, wie deutsche Künstler vor 100 Jahren den Aufbruch planten, gehe ins New Yorker MoMA - online.

          2 Min.

          Vor knapp 100 Jahren probten vier Architekturstudenten in Dresden den Aufstand. Sie taten sich als Künstlergemeinschaft "Brücke" zusammen und malten entschlossen über die herrschenden Tabus hinweg: Ihre Farben waren bunter, ihre Themen exotischer, ihr Malduktus bewegter als alles, was man in der Kunst bis dahin gesehen hatte.

          Nun hat das Museum of Modern Art (MoMA) in New York mit den deutschen "Brücke"-Künstlern einen neuen Aufbruch gestartet. Zum ersten Mal zeigt das führende Institut für moderne Kunst eine Ausstellung, die ausschließlich im Netz zu sehen ist. Der Versuch, Bilder allein digital an die Öffentlichkeit zu bringen, ist glänzend gelungen. Anschaulich und informativ werden aus dem Bestand des MoMA grafische Blätter - also Originaldrucke auf Papier, die auf dem Kunstmarkt heute jedes ein kleines Vermögen wert sind - von sechs "Brücke"-Mitgliedern in acht Themenschwerpunkten vorgestellt.

          "Brücke" schockte

          Dieses Schema vereinfacht die komplexe Geschichte der Künstler-Gruppe ein wenig. Natürlich gehörten mehr dazu als Kirchner, Pechstein, Heckel, Mueller, Nolde und Schmidt-Rottluff, aber sie waren die Prominentesten. Selbstverständlich haben sie sich mit mehr als acht Themen beschäftigt, aber Stadt, Kabarett, Nackte, Köpfe, Landschaft, Literatur, die Bibel und Negerkunst waren ihre zentralen Themen, mit denen sie zum Ärger des konservativen Publikums formal Neuland beschritten.

          Ausstellungen mit Arbeiten der damals 25- bis 30-jährigen multimedialen Künstler schockten die Zeitgenossen kurz vor dem Ersten Weltkrieg bis zur Ohnmacht. Sie waren Architekten und machten Gemälde, Grafiken, und Plastiken von ungewöhnlich offener Plakativität. Sie zeigten ihre Werke zuerst 1905 in Leipzig. Ein Jahr später lud ein Dresdner Lampenhersteller diese neuen Wilden zu einer spektakulären Ausstellung in seine Dresdner Fabrik ein.

          Der "Brücke" schlossen sich auf europäischer Ebene bald immer mehr Künstler an. 1910 tat sie sich mit der Avantgardegruppe "Berliner Sezession" zusammen. 1911 lebten die meisten "Brücke"-Mitglieder schließlich nicht mehr in der deutschen Provinz, sondern in der Hauptstadt Berlin.

          Berlin ist das Zentrum, nun auch im Netz

          Parallelen zur Gegenwart sind nicht zu übersehen. Auch wenn sich deutsche Künstler momentan nicht in Horden zu Gruppen finden, so strebt der Nachwuchs doch nach Berlin und überrascht ein bürgerliches Publikum mit Ideen, die auch aufgeschlossene Kunstliebhaber irritieren.

          Verglichen mit dem Online-Auftritt des zentralen "Brücke"-Museums in Berlin, überzeugt die aktuelle Online-Ausstellung des New Yorker MoMA durch einen souveränen Umgang mit dem nun wirklich nicht mehr ganz neuen Medium. Ansprechende Texte, die dem geschulten Kopf standhalten und den Neuling nicht verdrießen. Grafisch übersichtlich gestaltete Sites, die jeweils in zwei Versionen entweder vor dunklen Hintergründen wie ausgestellt wirken oder aufgelistet den Überblick erleichtern, machen diesen Rundgang zum intelligenten Vergnügen.

          Digitaler Ausstellungsauftritt fast ohne Makel

          Besucher dieser Online-Schau können sich detailliert über Inhalte, grafische Techniken und Biografien der "Brücke"-Künstler sowie der Geschichte der Gruppe informieren. Jedes Blatt wird genau beschrieben und kann mittels Pop-Up vergrößert werden. Den Künstlerbiografien ist eine Deutschlandkarte hinterlegt, so dass man mit einem Click erfährt, wo denn nun genau Frauenkirch oder Chemnitz liegt. Erstaunlich nur, dass Nolde laut Website aus dem schönen Ort Nolde kommt, den es nicht gibt, und nicht aus Seebüll, in dem er geboren wurde. Aber Fehler wie diese sind verzeihlich. Schließlich funktioniert der Auftritt ansonsten wie geschmiert und wird mit einer ausführlichen Bibliografie zum Thema professionell abgerundet.

          Dieses begehbare Buch im Netz, diese neue Form der Ausstellung ist ein Gewinn. Die spielerische Seite des Netzes wird ausgeschöpft. Dass sie die Präsentation von Originalen nicht ersetzt und eine ganz andere, weniger sinnliche als intellektuelle Erfahrung ist, muss nicht mehr extra betont werden.

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