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Berlins Olympia-Bewerbung : Goldmedaille für Graffiti

Schüler bilden am 19.02.2015 in Berlin vor dem Brandenburger Tor die Olympischen Ringe nach. Bild: Maurizio Gambarini/dpa

Die bescheidensten Spiele aller Zeiten und zudem auch noch demokratisch und nachhaltig: Wie sich Berlin mit seiner Olympia-Bewerbung der Welt als Zukunftsmodell empfiehlt.

          Vielleicht erledigt sich Berlins Olympia-Bewerbung schon früher als gedacht, falls bei der für diese Woche angesetzten Forsa-Telefonumfrage klarwerden sollte, dass es in der Bevölkerung kaum Zustimmung für das Projekt gibt, und das deutsche Organisationskomitee dem Konkurrenten Hamburg den Vorzug gibt. Doch die kurze Frist, in der sich der Senat zu so etwas wie einer Kampagne („Wir wollen die Spiele“) durchringen konnte, reichte immerhin für eine Selbstdarstellung, die in einer originellen Umkehrung der üblichen Bewerbungsverheißungen gipfelt: Nicht damit, dass Berlin von der Aufmerksamkeit der Welt profitieren könnte, oder damit, dass Olympia eventuell einfach Spaß macht, versuchen die schlauen Offiziellen den Leuten die Spiele schmackhaft zu machen, sondern damit, dass Berlin Olympia und damit die ganze Welt auf den Stand der Zeit bringen könnte, der nach Lage der Dinge der Berliner Stand ist.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Schon die allgemeine Bewerbungslinie spekuliert auf diese Anziehungskraft, die ein von Berlin in die Welt gehender Umkehrruf für die Berliner haben soll. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller spricht von einer „Reform-Olympiade“, der ersten nach dem vom IOC selbst initiierten Reformprozess. Sie soll „bescheiden“ sein (also zu achtzig Prozent in schon vorhandenen Altbauten stattfinden), „demokratisch“ (die Abgeordnete Anja Schillhaneck nennt als Beispiel Demonstrationen gegen das IOC vor dem Olympiastadion) und natürlich „nachhaltig“ (Olympia nur als „Zwischennutzung“, falls doch noch etwas neu errichtet werden muss).

          Auf den Kopf gestellte Verhältnisse

          Aber ihre spezielle Pointe bekommt die Strategie dadurch, dass sie die Kunst- und Clubszene der Stadt zum neuen Modell der olympischen Idee erklärt. Der zuständige Kulturstaatssekretär Tim Renner veröffentlichte ein Manifest, das die bestehenden Verhältnisse teils spielerisch variiert, teils auf den Kopf stellt: Die Sportfunktionäre der Welt werden zum Couchsurfing bei Berlinern geladen, wer mit dem Flugzeug anreist, pflanzt einen Baum, Obdachlose erhalten Freikarten, Staatenlose gehen ebenso wie Inhaber eines Passes an den Start, und es soll auch Medaillen für die besten Graffiti an Hausfassaden geben.

          Noch einen Schritt weiter ging eine von Renner unter dem Titel „Olympia anders denken“ im Kulturzentrum „Radialsystem“ einberufene Versammlung von Künstlern, Werbern und Kulturfunktionären. Die Ideen, die da bei kostenlosem Weinausschank auf den Tischdecken notiert wurden, reichten vom Plan, nicht mehr Nationen, sondern Regionen miteinander wetteifern zu lassen, über den Anstoß, das Konzept der Medaillen generell zu überdenken, bis hin zum Vorschlag, das olympische Feuer, das seit den Spielen im nationalsozialistischen Berlin von 1936 zur Tradition gehört, gleich bei der Eröffnung zu löschen.

          Am Berliner Wesen genesen

          Die Stadtregierung versucht die Berliner also nicht mit dem, wofür Olympia gemeinhin steht, für Olympia zu erwärmen, sondern mit dem, wofür im Blick der Berliner Berlin steht. Erst einmal bleibt das ganz im Rahmen der Tradition. Berlins Attraktivität unter jüngeren und mittelalten Leuten in der westlichen Hemisphäre beruht ja gerade auf seinem Ruf, dass es anders sei, als es Städte in ihrem Konkurrenz- und Überlebenskampf gemeinhin sind, dass es sich nicht den Maßstäben der übrigen Welt an Schnelligkeit, Effizienz und Ästhetik ausliefert. Doch sozialpsychologisch ist die Sache noch etwas vertrackter. Denn die Zeichen des Verfalls und des Schlendrians, die dieser Markenkern mit sich bringt, bleiben den Stadtbewohnern nicht verborgen. Täglich sind sie mit dem Abbröckeln öffentlicher Gebäude konfrontiert, mit dem routinierten Verzögerungs-Diskurs der Politiker, mit dem allgemeinen Kollaps bei plötzlichen Herausforderungen wie Schneefall oder vermehrtem Publikumsverkehr auf Ämtern.

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