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Oliver Maria Schmitt zieht Bilanz : Mein Wahlkampf ohne Wenn und Aber

  • -Aktualisiert am

Zwischen Adenauerscher Risikoscheu und radikaler Offenheit: Der Satiriker Oliver Maria Schmitt mit seinen sprechenden Wahlplakaten Bild: dpa

Am Sonntag wird der neue Frankfurter Oberbürgermeister gewählt. Ich bin aus dem Rennen, denn ich hatte dafür die falsche Strategie gewählt: Inhalte überwinden. So startete ich als Politiker und endete als Mensch.

          Was für den einen ein schöner Sonntag, ist des anderen Untergang. Wo gewählt wird, wird auch verloren. Beinahe jeden Sonntag finden irgendwo in Deutschland Urnengänge statt. Morgen entscheidet das Saarland, ob Zukunft überhaupt noch möglich ist, und die Stadt Frankfurt am Main entscheidet, wer Oberbürgermeister wird. Dabei steht das wichtigste Ergebnis schon fest: Ich werde es nicht.

          Und das ist gut so - vielleicht kriege ich mein Leben jetzt wieder in den Griff. Bevor ich im Dezember vergangenen Jahres als Kandidat antrat, hatte ich alles, was ein Mann braucht: kein Geld, einen guten Ruf und eine noch bessere Frau. Bis die Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative (Die PARTEI) beschloss, dass ich Politiker werden sollte, genauer: Oberbürgermeister von Frankfurt.

          Okay, kann man ja mal machen. Doch was als vielversprechende Kandidatur begann, endete in der Katastrophe. Ich begann diese Kampagne als Mensch und endete als Politiker. Kann man tiefer sinken?

          Mein Irrglaube an die Politik

          Immerhin brachte ich die wichtigste Grundvoraussetzung für eine politische Karriere mit: Ich war selbstbewusst und für alles offen. Mit anderen Worten: eitel und ahnungslos. Perspektivlos obendrein. Nachdem ich als Schriftsteller an einer umfassenden Verschwörung von Lesern und Kritikern gegen meine Werke gescheitert war, schien mir die Politik der letzte Ausweg, es doch noch zu irgendwas zu bringen. Das war, wie sich bald herausstellen sollte, ein Irrglaube.

          In endlosen nächtlichen Strategiesitzungen wurde ich mit schwersten Alkoholeinflößungen auf Partei-Linie gebracht. Die hatte mich bislang nie interessiert. Ich war ja nur der Ehrenvorsitzende, weil ich, wie mein politisches Vorbild Willy Brandt, vor Jahren mal um dieses Amt gebeten hatte. „Inhalte überwinden“, hämmerte man mir ein, immer wieder.

          Dass ich nun die Parolen meines Parteichefs Sonneborn auswendig zu lernen hatte, fand ich besonders erniedrigend; schließlich hatte ich den Mann eigenhändig aufgebaut und ihm dann die Ideen geliefert. Aber so ging wohl gelebte Realpolitik: gute Miene zum bösen Ränkespiel machen und immer stoisch behaupten, das sei „ein ganz normaler Vorgang“.

          Siebzehn Jahre lang war Frankfurt von Petra Roth regiert worden, einer Art weiblichem Helmut Kohl. Weit und breit gab es keine Nachfolger. Als Roth überraschend zurücktrat, mussten sämtliche Parteien hektisch in den Niederungen der Ortsvereine nach Kandidatenmaterial wühlen. Was sie zutage förderten, war ein Trauerspiel: abgehalfterte Provinzpolitiker, Abgesandte von Spaßparteien, Fehlbesetzungen allenthalben, Totalausfälle und Versager - und ich war der größte von allen.

          Um Inhalte erfolgreich zu überwinden, suchte ich nach möglichst sinnfreien Botschaften, um angehende Stammwähler nicht zu verstören. Das war gar nicht so leicht. Auf ihren Plakaten war mir die Parteienkonkurrenz immer schon einen Schritt voraus: „Frankfurt verpflichtet“ - zu was? „Sorglos zuhause“ - bei wem? „Frankfurt verstehen“ - und dann? Nach den Statuten meiner Partei war ich verpflichtet, einen schmierigen und populistischen Wahlkampf zu führen.

          Das Verändern der Veränderung führt nicht voran

          Also entschied ich mich für Plakate mit neuen, niedlichen Tieren und althergebrachten Forderungen. Ich ließ mich mit einer Handvoll Kaninchen ablichten, darüber stand der seit Adenauer erfolgreiche Spruch „Keine Experimente“. Alle anderen Parteien wollen immer irgendwas ganz anders machen als das, was ihre Vorgänger vorher verändert und anders gemacht haben. Sie verändern die Veränderung und kommen doch nicht voran.

          Für mich war daher klar: Veränderungen sind mit mir nicht zu machen! In der Ruhe liegt die Kraft! Keine Experimente! Politik bedeutet Kampf um die Macht, und meine Definition von Machtpolitik war: Nur wer nichts macht, macht keine Fehler. Und nur wer keine Fehler macht, wird wiedergewählt. Mein Hauptclaim aber war die schlichte, einfache und sehr wahre Aussage: „Ich brauch den Job!“

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