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Offener Brief an eine ehemalige Terroristin : Sehr geehrte Frau Becker, ...

  • -Aktualisiert am

Das hat direkte Auswirkungen: Wir führen seit mehr als zehn Jahren offiziell einen Krieg gegen den Terror. Doch was ist, wie entsteht Terrorismus in Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen, etwa den Geheimdiensten? Der frühere Talibansprecher Abu Saif hat darüber etwas Erhellendes gesagt. Die Taliban hatten ja immer mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI zu tun, waren auf ihn angewiesen. Er schrieb jedenfalls: „Ich gab mich ihnen gegenüber süß genug, um nicht ausgespuckt, und bitter genug, um nicht verschluckt zu werden.“

Der Gerichtssaal als Forum

Ist es Ihnen mit den diversen deutschen Diensten auch so ergangen? Ich habe auch das Gerücht gehört, man hätte Ihnen erst kurz vor Prozessbeginn noch von solcher Seite das Angebot unterbreitet, Sie nach Griechenland zu bringen. Sie haben es jedenfalls vorgezogen, den Prozess durchzustehen.

Manche Ihrer Genossen kamen mir vor, als seien sie nicht mehr Herr über ihre Geschichte. Als hätten sie nichts mehr zu sagen, auch wenn sie das wollten - wie, wenn Sie den frivolen Vergleich verzeihen, Modemacher, die ihren Namenszug an eine Investmentfirma verkaufen und nun die Kleider, die sie entwerfen, anders nennen müssen. Sie hingegen haben sie noch, Ihre Geschichte, und Sie haben das Forum, sie zu erzählen. Es wäre vielleicht besser, wir hätten ein Wahrheitstribunal nach südafrikanischem Muster, wo man die Wahrheit sagen kann und dafür eine Amnestie zugesichert bekommt. Die Journalistin Carolin Emcke hatte das vorgeschlagen in ihrem wichtigen Buch „Stumme Gewalt“.

Bilder einer Terroristin

Ihr Leben ist, nach allem, was wir darüber sagen können, nach den Schemen, die aus Akten, Geheimdienstunterlagen und Erzählungen anderer zu erkennen sind, Stoff für einen Roman. Sie haben viel erlebt, denn Sie haben früh angefangen. Ihre erste Verurteilung erging noch nach Jugendstrafrecht, da waren sie neunzehn, und man war erst mit 21 volljährig damals. Sie wurden ausgeflogen in den Jemen, im Gegenzug für die Freilassung von Peter Lorenz, am 3. März 1975. Pfarrer Albertz erlebte Sie da als verschlossen und zurückgezogen.

Der BKA-Mann Steinke schilderte Sie als besonders blass und gänzlich still, hatte sogar Sorge, man werde gar nicht glauben, dass dies die deutschen Topterroristinnen sind, weil Sie so verängstigt wirkten. Ich frage mich, ob das vielleicht Ihre erste Auslandsreise, Ihr erster Flug war und die Angst daher kam. Ihre Mutter erlitt an jenem Tag einen Schwächeanfall. Im Nahen Osten sollen Sie sich der RAF angeschlossen und weitere Taten geplant haben.

Machen wir uns ein zu naives Bild von der Identität der Person? Wir halten die Menschen für Terroristen oder Agenten, für Strategen oder Handlanger, für Bankräuber oder politisch motivierte Täter; aber Ihre Biographie ist gekennzeichnet vom Transzendieren solcher Zuschreibungen. Wir sind nicht in einer amerikanischen Serie; die Menschen, die Ihre Erklärung verfolgen werden, sind erwachsen und können die Wahrheit vertragen. Was meinten Sie, als Sie über das Attentat schrieben: „Ich würde es nicht wieder tun“? Warum nannten sei es „eine schmutzige Geschichte“?

Mit Ihrer Ankündigung haben Sie eine Tür geöffnet. Treten Sie hinaus und tun sie etwas, was nur Sie können: Erzählen Sie uns am übernächsten Montag Ihre Geschichte, Ihre ganze Geschichte.

Mit freundlichen Grüßen,

Nils Minkmar

Karlsruhe, 7. April 1977: Der Tatort mit den zugedeckten Leichen Siegfried Bubacks und seines Fahrers

Die unendliche Geschichte des deutschen Terrorismus

Für viele galt der Fall als abgeschlossen: Wegen der Morde an Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seinen beiden Begleitern wurden Terroristen zu lebenslanger Haft verurteilt, so wie die gesamte Spitze der RAF lebenslang bekam. Doch seit einigen Jahren ist klar, dass Tat und Täter nicht immer zueinanderpassen. So wurde Knut Folkerts wegen der Karlsruher Morde verurteilt, obwohl er am Tattag gar nicht dort war. Private Recherchen von Michael Buback, dem Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts, rückten vor einigen Jahren Verena Becker in den Fokus neuer Ermittlungen.

Er hält sie für die Schützin. Zudem entstand der Eindruck, Frau Becker habe längere Zeit mit den deutschen Verfassungsschutzbehörden kooperiert, vielleicht sogar lange vor dem Attentat. Seit anderthalb Jahren steht Verena Becker wegen einer möglichen Tatbeteiligung am Karlsruher Attentat in Stuttgart vor Gericht. Doch das Verfahren leidet darunter, dass weder die ehemaligen Mitglieder der RAF noch die Geheimdienste sachdienliche Aussagen machen und dass viele Spuren verschwunden sind. Zur großen Überraschung der Öffentlichkeit kündigte Verena Becker nun an, am 14. Mai eine Erklärung abgeben zu wollen. (mink)

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