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Offener Brief an eine ehemalige Terroristin : Sehr geehrte Frau Becker, ...

  • -Aktualisiert am

Plötzlich ist überall über Sie zu lesen

Heute ist das ganz anders. Ich habe, wie für viele andere Themen und Personen, bei der Suchmaschine Google einen Hinweisdienst aktiviert, der mir anzeigt, wenn irgendwo etwas Neues über Sie publiziert wird. Manchmal bekomme ich dann Nachrichten von einer gleichnamigen Tierärztin in Niedersachsen oder einer schwäbischen Handballerin. Aber nahezu jeden Tag steht im deutschsprachigen Internet etwas Neues über Sie. Und seit Ihrer angekündigten Erklärung kommen die Hinweise stündlich, jede deutsche Zeitung, jedes Portal meldet, was Sie tun und lassen. Warum ist das eigentlich so? Was ist es, was von Ihnen erhofft wird? Warum gibt es dieses tiefe Bedürfnis, mehr zu wissen?

Ihre Geschichte, wie flott sich das schreibt. Bis zum Prozess und zum Kraushaar-Buch hätte man sich schwer damit getan, auch nur die spärlichsten Eckdaten zusammenzutragen. Seitdem wissen wir ein wenig über Ihre Kindheit in Berlin, bei einer früh verwitweten Mutter und neun Geschwistern. Sie waren eines der ganz wenigen Arbeiterkinder, die zur RAF fanden, und auch die Wege dahin sind nicht klar. Bommi Baumann gibt damit an, Sie „eingestellt“ zu haben, er war ja auch im Stuttgarter Prozess. Es muss übrigens komisch sein, so viele Gestalten aus der eigenen Vergangenheit, die in Ihrem Fall auch deutsche Geschichte ist und ungeklärte Verbrechen einschließt, im Gerichtssaal wieder zutreffen.

Jedenfalls sagte Bommi Baumann auch, dass Sie es vielleicht schon recht früh mit dem Berliner Verfassungsschutz zu tun bekamen. Dies ist auch die zentrale These des Buches von Wolfgang Kraushaar. Beweisen kann es niemand, denn Dienste schweigen. Von der Stasi wissen wir fast alles, von ihren westlichen Kollegen immer noch nichts. Die Dienste, diese geschlossene Gesellschaft, die die offene unterhält, sind der Kern des Komplexes, der uns umtreibt. Die Justiz kommt da nicht weiter: Der Prozess um den Mord an dem - stimmt das?- womöglich von Ihnen angeworbenen Geschichtsstudenten Ulrich Schmücker führte mitten hinein in die Grauzone der Zusammenarbeit zwischen dem Berliner Verfassungsschutz und der „Bewegung 2. Juni“, bei der Sie ja debütiert haben. Im ganzen Land kann eigentlich nur eine Person dazu etwas sagen, und das sind Sie.

Jedes Wort kann hilfreich sein

Aber warum sollten Sie sagen, was Sie wissen? Lebensbeichten oder tränenreiche moralische Monologe, das hilft doch nur in Filmen. Ich glaube aber an Präzision, an die Wahrheit. Hier ist jedes Wort von Ihnen hilfreich. Sie haben erklären lassen, sie könnten manches, was im Verfahren gesagt wurde, so nicht „stehenlassen“ - als ginge es um einen Text. Und das sehe ich auch so: Es geht, wenn wir von Ihrem Leben, den damit verbundenen Taten und den Geheimnissen reden, um das dichte Gewebe von nationalen Geschichten, in dem wir unsere Kultur erkennen.

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