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Offener Brief an eine ehemalige Terroristin : Sehr geehrte Frau Becker, ...

  • -Aktualisiert am

Alle schweigen und tricksen. Und nun erklären Sie, etwas sagen zu wollen. Dabei sind Sie die Beschuldigte. Ihnen droht eine weitere Gefängnisstrafe, und es gehört zum Kern unseres Rechtssystems, dass eine Angeklagte nichts sagen muss, wenn sie das nicht möchte. Ich hegte aber seit dem ersten Verhandlungstag die Hoffnung, dass Sie es anders machen würden. Damals sagten Ihre Verteidiger, Sie würden sich „zum jetzigen Zeitpunkt“ nicht äußern wollen, darin klang das Bestehen einer Möglichkeit an. Die Eröffnung des Prozesses selbst hatte ich mit gemischten Gefühlen gesehen, das kam ja für alle überraschend.

Es geht um die ganze Geschichte

Angefangen hatte die Wiederkehr der Sache ja mit den Ermittlungen von Michael und Elisabeth Buback, deren Ergebnisse in dem Buch „Der zweite Tod meines Vaters“ veröffentlicht wurden. Darin entwickeln die Bubacks die Hypothese, dass Sie, Frau Becker, die zweite Person auf dem Motorrad gewesen seien, dass Sie geschossen hätten. Michael Buback hat das damals oft dargestellt, in vielen Medien. Ich habe sein Buch rezensiert. Seine Version klingt sehr plausibel.

Es wurde dann bekannt, dass Sie auf Ihrem Computer an einem Text schreiben, vielleicht eine Art Antwort an Michael Buback, einen Brief. Bubacks Text würde einen zweiten Text hervorrufen, einen von Ihnen, das war mir klar, auch wenn ich keine Ahnung haben konnte, was Sie sagen würden. Dann aber kam das Verfahren, und Ihre Äußerungen mussten nun in diesem juristischen Kontext bestehen, und Sie schreiben nicht weiter.

Ich bin kein Jurist, aber ich verstehe, dass die Justiz ihre Arbeit tun muss, auch wenn dieses Verfahren recht unglücklich wirkt. Mit weiteren Haftstrafen für Sie oder andere ist der inneren Sicherheit des Landes nicht gedient. Wenn Sie hingegen ihre ganze Geschichte erzählten, bekämen wir plötzlich Zugang zu den Sperrgebieten unserer Erinnerung. Auch das ist ein hohes Gut.

Ein Leitmotiv der Kommentare

Wie das so ist in diesem Land: Kaum keimt eine Hoffnung, stehen Sekunden später die Kommentierer bereit, sie zurückzuschneiden. Ich habe auch die Spontankommentare gehört, die gleich klarmachen, dass am 14. Mai nur ein von Anwälten komponierter Nichttext vorgetragen werde, dass jede Erwartung, die man in Sie setzen könnte, vergebens, naiv und lächerlich sei. Das müssen Sie ja kennen, dieses Unterschätztwerden.

Es ist, wenn ich mir das richtig angelesen habe, ein Leitmotiv in Ihrem Leben. Und was für ein Leben. Ich habe mir oft vorgestellt, wie wohl Ihre Autobiographie aussehen müsste. Es gibt ein gutes Buch über Sie, von Wolfgang Kraushaar, einem der besten deutschen Sozialwissenschaftler: „Verena Becker und der Verfassungsschutz“. Ein Buch ist nicht viel, über Ulrike Meinhof gibt es Dutzende. Viele Ihrer Genossen haben ja selbst Bücher geschrieben. Von Ihnen gibt es nichts. Sie waren fast vergessen, nach Ihrer Begnadigung durch Richard von Weizsäcker 1989 - bis Michael Buback kam.

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