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Österreichs Selbstbild : Infelix Austria oder Ich hasse mich selbst

  • -Aktualisiert am

Gut aussehend gute Stimmung machen: Heinz-Christian Strache Bild: REUTERS

Walzer, immer rechtsherum: Österreich geht es gut, doch alle fühlen sich schlecht. Im Zwiespalt zwischen Abwehrkampf und Abfahrtslauf sucht das Land nach seiner Linie. Zeugt der nicht mehr zu kittende Riss, der durch die Republik verläuft, gar von einem postmortalen Triumph Haiders?

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          In diesem Schneewinter überbietet sich die österreichische Presse in freudig-angeekelter Nabelschau: „Die hundert schlimmsten Ösis“ rief der linke „Falter“ zum Neujahr aus; nun kontert das Magazin „News“ mit „Unsere peinlichsten Promis“. Um das Selbstbild der sonst so feschen und stolzen Österreicher ist es derzeit wahrlich nicht gut bestellt. Neben dem obligatorischen Johannistriebler „Mörtel“ Lugner und der „Femme Cristall“ (einstmals Fiona Swarowski) sowie ihrem jetzigen Gemahl (einstmals Finanzminister) Karl Heinz Grasser steigen immer peinlichere Politgrößen in die Hitparade der Gehassten auf. Die Produktivität, mit der wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Vorbildfiguren immer neue Skandale und Parteispaltungen produzieren, ist beneidenswert.

          Der Populismus eines Heinz-Christian Strache, der als fescher FPÖ-Chef heuer die Wiener Ballsaison dominiert und in dessen Richtung dabei von einem eifersüchtigen Nebenbuhler auch mal eine Bierflasche geflogen kommt, verdankt sich naturgemäß der schlichten Erfolgsformel seines Vorbildes Jörg Haider: gut aussehend gute Stimmung machen und dabei die üblichen Feindbilder aus Ausländern, Zuwanderern, EU-Bürokraten bedienen. Kaum beachtet von nichtösterreichischen Augen, hielt Strache zuletzt in der Wiener Hofburg die Festrede zum Festkommers des Wiener „Korporationsringes“, deren schlagende und deutschnationale Burschenschaften beim Champagnisieren eigens an die Jubiläen der „Friedensdiktate von Saint Germain“ und „200 Jahre Tiroler Freiheitskampf“ erinnern wollten. Gegen eine solche Veranstaltung im Herzen der habsburgischen Machtzentrale kamen Hunderte Demonstranten zu einer nicht genehmigten Aktion zusammen; es gab siebenhundert Anzeigen, fünfzehn Festnahmen und Dutzende Verletzte.

          Die Kür der ungeliebtesten Landsleute erzählt ebenso viel von der landestypischen Misslaunigkeit wie der weltweit einzigartige Walzertaumel, zu dem vom Philharmoniker- über den Bonbon- bis zum Kaffeesiederball immer noch sämtliche Stützen der österreichischen Gesellschaft antanzen und dabei in Krisenzeiten gut sechzig Millionen Euro Wertschöpfung generieren. Was der Rest der Welt als rührendes Hochhalten der Tradition eines untergegangenen Reiches erlebt, bedeutet für österreichische Polit- und Wirtschaftsgrößen Pflichtprogramm und harte Arbeit, die oft erst beim Katerfrühstück in einem dafür eigens um vier Uhr früh geöffneten Kaffeehaus ihre Erfüllung findet.

          Eine Partei verwickelt sich in Widersprüche

          Die Gesellschaft verschanzt sich gegen die Zukunft

          Beim arg rechtslastigen Burschenschaftlerball – mit sehr vielen deutschen Gästen – wurde das Stadtschloss Kaiser Franz Josephs mittels Polizeikordon buchstäblich wieder zur verbarrikadierten Burg. Doch die Metapher einer sich in Tradition und Redoute gegen die Zukunft verschanzenden Gesellschaft trifft auch sonst die Lage ganz gut. Da ist es kein Zufall, dass zum zehnten Jahrestag der Regierungsbeteiligung Jörg Haiders und der folgenden europäischen Mini-Sanktionen erneut erbittert über die Berechtigung der Ächtung, über nationale Schmach und über das Comeback der Rechtspopulisten unter Strache gestritten wird.

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