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Österreich und die Rückgabe : Ein Prozess wie bei Kafka

  • -Aktualisiert am

Ein eiliger Verkaufsversuch

Bei Kriegsende beschlagnahmen die Amerikaner das Gebäude, das sie als Konsulat nutzen und der österreichischen Republik dafür monatlich Miete zahlen. Österreich befindet sich seit 1955 offiziell im Besitz des Sanatoriums, das nach den damaligen Restitutionsgesetzen nicht zurückgestellt wird, weil keine direkten Nachfahren von Lothar und Suse Fürth mehr am Leben sind. Eine Änderung der Gesetzeslage zugunsten entfernterer Deszendenten bringt erst das im Januar 2001 zwischen der österreichischen und der amerikanischen Regierung geschlossene Washingtoner Abkommen zur Regelung von Fragen der Entschädigung und Restitution für Opfer des Nationalsozialismus.

Doch bevor neue Gesetze es Fürths Erben erlauben, Ansprüche auf das Sanatorium zu erheben, versucht der österreichische Staat, die wertvolle Immobilie in Wiens bester Lage zu verkaufen - mittels der Anzeige, die Templ mir zeigt. „Zum Verkauf ist es aber nicht mehr gekommen“, sagt er. „Die Amerikaner, deren Konsulat sich im Sanatorium befand, waren empört und haben Druck gemacht.“ Daraufhin macht Österreich einen Rückzieher; das Gebäude soll nun tatsächlich an die Nachfahren der enteigneten Besitzer restituiert werden.

Ein Drittel für die Anwälte

Wer aber macht sich auf die Suche nach Fürths Erben? Nicht der Staat, sondern der privat arbeitende Genealoge Herbert Gruber. Als dieser Name fällt, legt sich Templs Stirn in Falten. Er holt noch eine Kopie aus seinen Ordnern, ein Interview mit Gruber, erschienen 2009 im österreichischen Nachrichtenmagazin „Profil“. Die Überschrift: „Sie können mich als Aasgeier bezeichnen“. In Zusammenarbeit mit internationalen Partnerbüros hat Gruber durch mehrjährige Recherchearbeit den Großteil der 39 anspruchsberechtigten Erben des Sanatoriums gefunden und mit ihnen Verträge abgeschlossen.

Die Konditionen: Um den Antrag auf Restitution, der beim „Allgemeinen Entschädigungsfonds für Opfer des Nationalsozialismus“ gestellt werden muss, kümmern sich Gruber und von ihm beauftragte Anwälte und Notare. Wird dem Antrag von der „Schiedsinstanz für Naturalrestitution“ stattgegeben, müssen die Erben im Gegenzug ein Drittel der zurückerhaltenen Summe an Gruber und Co abtreten. Ein Unding, findet Templ. „Ein Antragsteller aus den Vereinigten Staaten hat diese privaten Opfer-Profiteure, die Anwälte, Genealogen und Notare, einmal treffend als Holocaust Business Men bezeichnet“, sagt er. „Ich verstehe nicht, wieso der Staat das duldet.“

Eine weiße Stelle im Antragsformular

Wie ist es mit dem Sanatorium Fürth weitergegangen? Templ greift zu seinen Ordnern und zeigt mir die Entscheidungen der Schiedsinstanz zu dem ehemaligen Klinikgebäude. Im November 2005 werden zehn Antragsteller als Erben Fürths anerkannt, acht von ihnen vertreten durch Notare und Anwälte, die für Herbert Gruber arbeiten. Stephan Templ erfährt erst bei einer Pressekonferenz zur Entscheidung der Schiedsinstanz, dass das Sanatorium überhaupt restituiert wird. „Das war Mitte November 2005“, erinnert er sich. „Als ich verstand, dass auch die Nachkommen entfernterer Verwandter von Lothar Fürth anspruchsberechtigt sind, wurde mir klar: Dann ist auch meine Mutter eine Erbin!“

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