https://www.faz.net/-gqz-7on7j

Odenwaldschule : Der unendliche Horror

Trügerische Idylle: die Odenwaldschule Bild: SWR/zeroone

Die Odenwaldschule hoffte, den Missbrauchsskandal überstehen zu können, ohne ihre Strukturen ändern zu müssen. Das war ein schwerer Fehler. Kürzlich wurde ein Lehrer der Schule fristlos entlassen, da er im Besitz kinderpornografischer Materialien war.

          Von den vielen irrsinnigen Argumenten, die die Anhänger der Odenwaldschule vorbringen, wenn es um die Zukunft der Institution geht, lautet eines der irrsinnigsten, die Odenwaldschule sei nun, nachdem der fortgesetzte Kindesmissbrauch dort bekanntgeworden ist, der sicherste Ort überhaupt.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wer tatsächlich so naiv war, das zu glauben, den dürfte spätestens jetzt ein ziemlich mulmiges Gefühl beschleichen. Wie wir nun wissen, kam bereits am 9. April die Polizei in Ober-Hambach vorbei und durchsuchte die Wohnung eines Lehrers für Physik, Chemie und Mathematik, der verdächtigt wird, kinderpornographisches Material besessen zu haben. Dem Lehrer wurde fristlos gekündigt. Die Odenwaldschule, heißt es seither überall, komme einfach nicht zur Ruhe.

          Aber ist das tatsächlich überraschend? Weshalb sollte eine Schule, in der der sexuelle Missbrauch von Schutzbefohlenen genauso wie das Wegschauen, Verschweigen und Vertuschen System hatte, sicherer sein als andere Schulen?

          Praktizierte Familienstruktur birgt Gefahren

          Vor kurzem erschien ein Tagungsband unter dem Titel „Reformpädagogik nach der Odenwaldschule – wie weiter?“ Andreas Huckele, ehemaliger OSO-Schüler und selbst Missbrauchsopfer, schreibt in seinem Essay „Macht, Sexualität und Gewalt in pädagogischen Kontexten“: Die Odenwaldschule hat „offensichtlich Menschen angezogen, die sexualisierte Gewalt an Kinder und Jugendlichen anwenden wollen“. Die Täter ,groomen‘ ihre Opfer. „Sie nähern sich ihnen an, sie bauen Beziehungen zu ihnen auf, sie machen Geschenke in Form von Turnschuhen und Zuwendungen, sie zeigen Interesse für die Wünsche und Sorgen der Kinder und Jugendlichen, sie sind einfach der tollste Erwachsene, den sich das Kind vorstellen kann.“ Über den aktuellen Skandal sei er nicht im Geringsten überrascht, sagt Huckele im Gespräch mit dieser Zeitung. Im Gegenteil.

          Welche Konstellation könnte für solch eine Annäherungsstrategie günstiger sein als jene in der Odenwaldschule praktizierte Familienstruktur, in der die Nähe zwischen Erwachsenen und Jugendlichen Programm ist? Die Tatsache, dass dieses Betreuungsprinzip, nachdem das ungeheure Ausmaß des Missbrauchs 2010 ans Licht kam und klar wurde, „dass das Material des Horrors schier unendlich war“, nicht endgültig aufgegeben wurde, ist unbegreiflich.

          „Die Odenwaldschule ist eine schwer traumatisierte Institution, die ihre Vergangenheit immer wieder neu inszeniert“, sagt Huckele.

          Wo bleibt die Einsicht?

          Missbrauch kennt kein Vergessen. Es stimmt nicht, dass die Zeit alle Wunden heilt, im Gegenteil, manche Verletzungen befördert sie erst Jahrzehnte später zum Vorschein. Das geschieht oft mit einer Wucht, die die Betroffenen an ihre existentiellen Grenzen bringt. Das Jahr 2010, als der OSO-Missbrauchsskandal ans Licht kam, war das Jahr der „Wende“, in dem die Öffentlichkeit endlich begann, sich mit sexualisierter Gewalt in all ihren abartigen Ausprägungen auseinanderzusetzen. Kein Motiv wurde im März 2010 derart häufig gezeigt wie das Goethe-Haus der OSO. Bis zu diesem Zeitpunkt, so Huckele, sei sexualisierte Gewalt etwas gewesen, „das in dunklen Kellern, satanistischen Zirkeln und perversen Familien stattfindet“.

          Zurück zum aktuellen Fall: Der Lehrer, der in Besitz der Kinderpornos gewesen und schon seit längerem von der Schulleitung beobachtet worden sein soll, ist Anfang dreißig und erst seit wenigen Jahren an der Odenwaldschule tätig. Das System der permanenten Nähe zu den Schülern hat ihn offenbar stark angezogen. Die Schule teilte mit, nach derzeitigen Erkenntnissen seien Schüler in den aktuellen Vorfall „nicht involviert“.

          Nächste Woche enden die Osterferien. Wenn die Schüler dann zurück an die Odenwaldschule kommen, wenn sie ihre Zimmer wieder beziehen und der Lehrer, den sie mochten, dem sie ihre Sorgen anvertrauten, weg ist, weil er Kinderpornos auf seinem Rechner gehabt haben soll, fragt man sich, was eigentlich passieren muss, bis die Verantwortlichen erkennen, dass jeder einzelne Schüler von diesem Skandal betroffen ist.

          Weitere Themen

          Fans gedenken Michael Jackson Video-Seite öffnen

          Zehn Jahre nach dem Tod : Fans gedenken Michael Jackson

          Zehn Jahre nach seinem Tod ist er für sie immer noch ein Idol - trotz der Missbrauchsvorwürfe. Hunderte Menschen versammelten sich vor dem Forest-Lawn-Friedhof oder auf dem „Walk of Fame“ um dem „King of Pop“ zu gedenken.

          Zwischen Horrorfilm und Neorealismus Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Wo ist Kyra?" : Zwischen Horrorfilm und Neorealismus

          "Wo ist Kyra?" von Fotograf Andrew Dosunmu ist ein Hollywood-Film und Arthouse zugleich. Und beides auch wieder nicht. Denn die Zielgruppen beider Genre müssen sich an etwas gewöhnen, das sie sonst ablehnen. Warum der Film sowohl inhaltlich als auch künstlerisch sehenswert ist, verrät F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.