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Tim Renner verrennt sich : Kulturkompetenz sieht anders aus

Tim Renner, hier bei der Vorstellung als neuer Kulturstaatssekretär Berlins, attackiert nochmal die Buchbranche, bevor er seinen neuen Job antritt. Bild: dpa

Der Musikproduzent Tim Renner wird bald Kulturstaatssekretär von Berlin. Vorher gibt er der Buchbranche nochmal einen Tritt - und widerspricht sich dabei selbst. Es bleibt zu hoffen, dass er mehr weiß, als es derzeit den Anschein hat.

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          Als Berlins Regierender Bürgermeister kürzlich den Musikmanager Tim Renner als seinen neuen Kulturstaatssekretär vorstellte, war ihm ein Coup gelungen. Denn Renner gilt als einer der profiliertesten Vordenker in seiner Branche, gerade auch im Hinblick auf notwendige neue Vertriebswege. Nun ist das nicht das unmittelbare Aufgabenfeld eines Kulturpolitikers, aber wenn der sich über die Zugänglichkeit von Kultur Gedanken macht, darf man sich freuen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Sein Amt wird Renner Ende dieses Monats antreten, doch vorher ist er noch in eigener Sache unterwegs, so jetzt in Dortmund bei einer Präsentation des E-Book-Anbieters Readbox. Natürlich hatte man sich da keinen Kritiker eingeladen, also stieß Renner dem Vernehmen nach kräftig ins Horn: Die Musikbranche habe vorgemacht, wie man den Trend zum Digitalen nutzen könne, die Buchbranche verschlafe ihn gerade. Sie müsse den Lesern endlich „Angebote auf Augenhöhe“ machen.

          Bücher sind keine Ochsenkarren

          Dabei sagte Renner auch, dass in Deutschland immer noch viel mehr physische Tonträger verkauft werden als digitale, und das hätte er analog auch fürs Buchgeschäft feststellen können. Darin sieht er indes ein Drama, denn das Innovationspotential der Unternehmen werde gehemmt. Wie denn nun? Brauchten wir nicht vielmehr eine „Nachfrage auf Augenhöhe“, wo es doch offenbar die deutschen Käufer sind, die sich noch den neuen Vertriebswegen und Publikationsformen im Musik- und Buchgeschäft verweigern? Es ist seltsam, dass Renner sich nach Gutdünken aussucht, wen er kritisiert. Das Gemeinsame ist nur, dass man jeweils der digitalen Revolution im Wege steht.

          Dass er recht hat mit seiner Voraussage, die Zukunft des Buches werde anders aussehen als bisher, ist ebenso richtig wie ein Gemeinplatz. Unpräzise und daher geradezu nichtssagend ist auch seine pauschale Bemerkung, fünfhundert Jahre Bucherfolgsgeschichte besagten nichts, denn der Ochsenkarren sei ja auch nach langer Zeit vom Automobil verdrängt worden. Allerdings war am Ochsenkarren in Tausenden von Jahren deutlich weniger verändert worden als am Buch - denken wir an Taschenbücher, Bebilderung, Handelsstrukturen. Und Schifffahrt findet auch noch statt, obwohl es Flugzeuge gibt.

          Der Buchmarkt ist komplizierter als Renner denkt

          Der Vergleich zwischen Musikhören und Lesen hinkt ohnehin, weil es qualitativ nur einen geringen Unterschied macht, ob man eine Datei oder eine CD als Quelle benutzt. Der Konzertbesuch oder das eigene Musizieren ist von der Digitalisierung ja auch in der Menge unbeeinflusst geblieben. Bücher zu lesen ist eine Beschäftigung, die das Objekt der Lektüre miteinbezieht, und zwar intensiver als die Betrachtung eines CD-Booklets oder einer Plattenhülle.

          Die Benutzung eines Buchs ist eine eigene Kulturtechnik, die erlernt werden muss und etabliert ist, deshalb orientieren sich auch alle E-Book-Reader am klassischen Buchformat und den üblichen Handhabungen der Leser. Um Musik zu hören muss man erst einmal nichts erlernen, deshalb ist ein Wechsel der Gebrauchsgewohnheiten dort viel simpler.

          Tim Renner weiß also nicht eben schlüssig zu vergleichen. In Berlin wird er als Kulturstaatssekretär viel mit Literatur zu tun zu bekommen. Man darf gespannt sein, ob er dazu mehr zu sagen weiß als Marketingparolen.

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