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„Occupy Wall Street“ in Frankfurt : Wir sind jetzt ihre Krise

  • -Aktualisiert am

Aus Protest gegen die Finanzindustrie sind am Samstag auch in Deutschland zahlreiche Menschen auf die Straße gegangen. Bild: reuters

Auch in Deutschland verfängt der New Yorker Slogan „Wir sind die 99 Prozent“. Gekommen sind mehr als 5000 Protestierende nach Frankfurt.

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          Früh am Morgen liegt der kleine Platz vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt noch in schöner grüner Friedlichkeit. Ein Fotograf hat vor dem riesigen blauen Euro-E ein Stativ aufgebaut, zwei leere Sektflaschen stehen in der Sonne. Blauer Himmel, gelbe Blätter, die Bankentürme leuchten im frühen Licht. Ruhe.

          Wenige Stunden später dröhnt aus großen Boxen das Lied „Aufstehn - für eine weltweite Bewegung“ von der Ska- und Protestband Irie Révoltés aus Heidelberg. Aktivisten aus Athen, Tel Aviv, Barcelona und anderen Protesthauptstädten der Welt verlesen Grußbotschaften. Der Sprecher von Attac Frankfurt ruft ins Mikrofon, er sei überwältigt von all den Leuten, die gekommen seien, und leider auch etwas überfordert. Denn sie hätten leider keine Bühne organisiert, aber Hauptsache, man könne ihn hören. Mit ein paar hundert Demonstranten hatte man gerechnet. Um 13 Uhr sind es schon an die 5000. Und es werden mehr - da ist sich jeder hier auf diesem Sonnenplatz sicher, immer mehr.

          „Europa - eine griechische Tragödie“

          Die Stimmung ist entspannt und entschlossen. Wie bei den Protestbewegungen in der ganzen Welt und an der Wall Street sind auch hier in Frankfurt Leute aus allen Ländern, jeden Alters und jeder Schicht zusammengekommen. Auch hier tragen die Menschen vor allem die Schilder mit dem New Yorker Slogan „Wir sind die 99 Prozent“, und sie rufen „Hoch die internationale Solidarität“. In den Reden wird direkte Demokratie gefordert, die Zerschlagung der Großbanken, Solidarität mit den sogenannten Pleiteländern, keine Solidarität mit den Pleitebanken und Abschaffung der Rating-Agenturen.

          Revolution: In Frankfurt versammelt sich die Masse vor dem Gebäude der EZB Bilderstrecke

          Es sind Rentner in Wildlederblousons dabei, Kleinfamilien, Radfahrer, Buchmessebesucher, der emeritierte Politikprofessor Peter Grottian ist aus Berlin gekommen und fragt jetzt einen der Organisatoren, ob er später auch ein paar Worte sagen darf. Er trägt ein Verkehrsschild um den Hals, es ist ein Einfahrt-verboten-Schild, auf dem steht: „Mut zur Wut“. Eine ältere Dame in rosa Mohair-Pullover sagt zu ihrem Mann, sie habe eben mit einem jungen Man gesprochen, der habe ihr gesagt, es würden gleich Zelte aufgebaut vor der EZB, richtig viele. „Das find’ ich richtig stark“, sagt sie und hört weiter den Ansprachen zu. Ein Gewerkschafter aus Nordrhein-Westfalen sagt, er habe einfach hierherkommen müssen: „Es geht hier um unsere Lebensgrundlage.“ Und eine elegante Französin muss sich im Interview mit einem Reporter vom Deutschlandradio von der Politik Nicolas Sarkozys distanzieren.

          Bevor sich der Protestzug in Bewegung setzte, hatten sich alle am Rathenauplatz am Goethe-Denkmal getroffen. Unter dem Motto „Europa - eine griechische Tragödie“ führte eine Attac-Gruppe ein spontanes Proteststück auf. Ein martinwalserhafter Zeus, in rote Decke gehüllt, rief: „Hört, liebe Leute! Der Tag des jüngsten Protests ist gekommen!“ Später werden rote Karten verteilt, auf denen „Rote Karte“ steht. Eine Frau sagt zu ihrem kleinen Sohn: „Geh ma ’n paar rode Kadde hole! Die gibt’s da hinne beim Zeus!“ Und der Sohn bittet den rotumhüllten Martin-Walser höflich um zwei rote Karten für ihn und seine Mutter.

          Später wird in einer Art Volksversammlung beschlossen, dass man vor der EZB zelten wird. Um zu bleiben. Es fängt gerade erst an.

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