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Obama-Kommentar : Adieu

Sichtlich gerührt: Barack Obama während seiner Abschiedsrede in Chicago. Bild: AFP

Präsidenten sind Prediger. Sie reden zu einer Gemeinde, die nichts als gute Nachrichten hören möchte. Doch diese befindet sich unglücklicherweise aber in heftigstem Streit darüber, was das überhaupt ist.

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          Die letzte Predigt, die der amerikanische Präsident zu halten hat, ist die „Presidential Farewell Address“. In der Tradition der politischen Rhetorik der Vereinigten Staaten gilt die Abschiedsrede als Selbstporträt aus gegebenem Anlass. Ihre Herausforderung besteht darin, Bilanz zu ziehen, ein Vermächtnis zu formulieren, die eigene Position innerhalb der mit George Washington beginnenden Traditionslinie zu bestimmen und die Zuhörer auf subtile, aber möglichst wirkungsvolle Weise wissen zu lassen, wie der Redner gern gesehen und beurteilt werden möchte.

          Zu den Zuhörern gehört in diesem Fall auch die Nachwelt, die sich künftig daran erinnern wird, mit welchem Wort der vierundvierzigste Präsident seine „Farewell Address“ begann, nämlich mit „Michelle“. Es ist vermutlich das erste Mal, dass die Präsidentengattin noch vor dem Vizepräsidenten, vor allem aber vor dem Volk Erwähnung findet. Denn das Volk ist nicht nur der Adressat dieser Rede, es ist, weil Präsidenten auch Pädagogen sein müssen, fast immer ihr Gegenstand: Man muss ihm erklären, was in der zurückliegenden Amtszeit in seinem Namen geleistet wurde, und was zu tun noch übrig ist. Ronald Reagan, der große Kommunikator, bezeichnete das Volk, den großen Lümmel, in seiner Abschiedsrede 1989 ungeniert als „Reagan’s regiments“, als Fußtruppen also, die er dem Amtsnachfolger Bush senior mit großzügiger Geste zum Antrittsgeschenk machte: Aus Reagans Regimentern, so der scheidende Präsident, müssten nun eben Bushs Brigaden werden.

          „Heilige Banden“ müssen bewahrt werden

          Doch schon Bill Clinton, der 2001 mit einem Drittel der Redezeit Reagans auskam, klagte zum Abschied über fehlende Moral der Truppe. Clinton warnte damals in knappen Worten vor den Zentrifugalkräften gesellschaftlicher Vielfalt und beschwor die Rückbesinnung auf gemeinsame Werte. Barack Obama, der jetzt gut viermal so lang sprach wie Clinton, zählte diese Werte der Reihe nach auf und zitierte mit präsidialem Pathos George Washingtons Wort von den „heiligen Banden“, die bewahrt werden müssen, wenn die Nation nicht auseinanderfallen soll. Obama erinnerte jeden einzelnen Amerikaner an seine Verantwortung für ein gelingendes Staatswesen und erteilte damit all jenen eine Abfuhr, die Washington und das Establishment zum alleinigen Sündenbock machen wollen.

          Der Staat, hat ein amerikanischer Politiker einmal gesagt, sei „nicht die Lösung für unser Problem, der Staat ist das Problem“. Das klingt nach Donald Trump, stammt aber von einem seiner Vorgänger. Reagan, der als ehemaliger Schauspieler eigentlich daran gewöhnt war, sich an das zu halten, was im Drehbuch stand, sagte den Satz in Abweichung vom Manuskript seiner Antrittsrede als vierzigster Präsident der Vereinigten Staaten am 20. Januar 1981. Auch Trump, der große Außenseiter, steht also in einer Tradition, auf die er sich in seiner Abschiedsrede wird berufen können.

          Hubert Spiegel
          (igl), Feuilleton

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