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Nützliche Selbstüberschätzung : Wer weiß, was er nicht weiß

Größeres Selbstbewusstsein, so die Forscher, verbessert die Einschätzung durch den potentiellen Arbeitgeber. Bild: Picture-Alliance

Dass inkompetente Menschen dazu neigen, ihre eigene Kompetenz zu überschätzen, ist erwiesen. Jetzt behaupten Forscher, das könne auch positive Folgen haben: zum Beispiel in Chefetagen.

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          In Pittsburgh kam es 1995 zu einem kuriosen Vorfall. Mitten am Tag raubte dort ein unmaskierter Mann zwei Banken aus, ohne sich im Entferntesten darum zu scheren, dass die dort installierten Überwachungskameras von ihm ideale Fahndungsfotos liefern würden.

          Noch am selben Tag wurde er festgenommen – offenbar zu seiner eigenen großen Verwunderung. Denn wie er der Polizei daraufhin berichtete, hatte er durchaus Vorkehrungen getroffen, um unerkannt zu bleiben: Er habe sein Gesicht mit Zitronensaft eingerieben, um es dadurch für Videokameras unsichtbar zu machen.

          Der unglückliche Bankräuber wurde vier Jahre später von den amerikanischen Psychologen Justin Kruger und David Dunning als Beispiel für das Phänomen angeführt, dass inkompetente Menschen dazu neigen, ihre eigene Kompetenz zu überschätzen. Der seitdem vielfach zitierte und (leider) immer wieder und an vielen Stellen anwendbare Dunning-Kruger-Effekt beschreibt die doppelt negativen Folgen von Inkompetenz: Mangelnde Fähigkeiten sind im praktischen Leben an sich schon eine Bürde, gleichzeitig braucht es aber bereits eine gewisse Kompetenz, um die eigenen Mängel überhaupt sehen zu können – oder frei nach Sokrates: Wer weiß, was er nicht weiß, kann so dumm nicht sein.

          Übermäßige Selbstkritik der Kompetenten

          Die Selbstüberschätzung der Inkompetenten, die in unserer Welt so oft und so schmerzhaft mit der gleichzeitig verbreiteten Tendenz zur übermäßigen Selbstkritik der Kompetenten kollidiert, kennt jeder. Deren von Dunning und Kruger vertretene negative Einschätzung ist da schon strittiger. Dass Selbstüberschätzung durchaus positive Folgen haben kann, behaupten jetzt die Ökonomen Peter Schwardmann und Joël van der Weele in „Nature Human Behaviour“.

          Anknüpfend an den Evolutionsbiologen Robert Trivers gingen sie der These nach, dass Menschen sich hinsichtlich ihrer Qualitäten selbst betrügen, um damit überzeugender auf andere zu wirken. In einem ersten Experiment ließen sie die Teilnehmer einen Intelligenztest machen. Die Hälfte der Testpersonen wurde daraufhin darüber informiert, dass sie in einem nachfolgenden Gespräch einen möglichen „Arbeitgeber“ von ihrem überdurchschnittlichen Abschneiden im Test überzeugen sollten und im Erfolgsfall eine Belohnung bekämen.

          Als Nächstes ließen sie die Getesteten einschätzen, wie sie im Test abgeschnitten hatten. Das Ergebnis: Diejenigen, die sich innerlich bereits auf das Gespräch mit dem Arbeitgeber eingestellt hatten, schätzten ihr Testergebnis erheblich besser ein.

          In einem zweiten Experiment wurde der Effekt des gesteigerten Selbstbewusstseins auf die Überzeugungskraft im Bewerbungsgespräch untersucht. Und tatsächlich: Größeres Selbstbewusstsein verbesserte die Einschätzung durch den potentiellen Arbeitgeber. Die Autoren vermuten, dass der experimentell demonstrierte Nutzen der Selbstüberschätzung diese zu einem verbreiteten Phänomen in den Chefetagen der Finanzwelt, des Rechtswesens und der Politik macht. Was wir daraus lernen: Vielleicht war der Bankräuber von Pittsburgh mit seinem großen Selbstbewusstsein ja einfach nur im falschen Business unterwegs.

          Sibylle Anderl
          Redakteurin im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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