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„NSU-Watch“ : Die Kunst der Spurensicherung

  • -Aktualisiert am

Rekonstruktionen des Attentats auf „NSU Watch“: oben Position und Innenraum der Synagoge, unten des „Kiez Döner“ Bild: NSU Watch

Im Prozess gegen den Attentäter von Halle kann die Justiz ihren Gegenstand nicht erfassen: die gefährliche rechte Online-Kultur. Eine Künstlerin, die den Anschlag miterlebt hat, hilft, den Terror zu entschlüsseln.

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          Im Verhandlungssaal C24 des Landgerichts Magdeburg sitzt Lou Solomon (Name geändert) zwischen zwei der vielen Plexiglasscheiben hinter ihrem Anwalt, die Simultanübersetzung auf dem Kopfhörer, vor sich einen der kleinen Monitore gerichtet, auf denen man mitgucken kann, wie die Richterin sich durch PDFs mit Prozessakten und Beweismaterial scrollt.

          Am Vormittag des 9. Oktober 2019 ist die Kunststudentin auf Einladung der jüdischen Organisation „Base Berlin“ mit rund zwanzig anderen jungen Juden nach Sachsen-Anhalt gekommen. In Halle wollen sie Jom Kippur feiern. Um kurz vor zwölf parkt ein Auto vor der Tür der Synagoge, der Insasse ausgerüstet mit Gefechtshelm und teils selbstgebauten Waffen. Sechs quälend lange Minuten versucht er vergeblich mit Schüssen, Granaten und Molotowcocktails die Tür zu öffnen, bevor er aufgibt. Als die Passantin Jana L. ihn auf Explosionsgeräusche anspricht, erschießt er sie. Danach fährt er mit dem Auto zu einem nahegelegenen Döner-Imbiss, weil er dort Muslime vermutet, und tötet den Gast Kevin S. Später verwundet er noch zwei weitere Menschen schwer. Viele weitere Opfer überleben nur durch Zufall oder weil die Waffen klemmen.

          Solomon ist eine von 43 Nebenklägerinnen im Prozess gegen den inzwischen 28-Jährigen. Aus der Ferne könnte man meinen, die Lage sei klar. Schließlich hat der Täter seine Attacke mit einer Helmkamera gefilmt und das belastende Beweismaterial selbst hergestellt. Doch im Saal C24 merkt man schnell, dass hier nichts einfach ist. Der Beklagte sitzt zur Linken von Richterin Ursula Mertens und blickt genau auf die drei dichtbesetzten Tischreihen der Nebenklage. Im Laufe des Prozesses zeigt er sich gut gelaunt, wann immer seine Pläne verlesen werden. Er lacht, wenn etwa ein irritierter Übersetzer gebeten wird, seine auf Englisch verfassten rassistischen Witze zu übersetzen, oder wenn sich die Richterin geduldig die Bedeutung antisemitischer memes erklären lässt.

          Antisemitisches und rassistisches Weltbild

          Einerseits wird in einem solchen Prozess Beweismaterial gesichtet und besprochen. Andererseits ist es für viele der Nebenkläger schon in den ersten Prozesstagen schwer erträglich, dass der Angeklagte dabei ausführlichen Raum bekommt, um mit antisemitischen und rassistischen Beleidigungen gespickten Tiraden sein Weltbild auszubreiten. Denn eines hat er im Prozess von vornherein klargemacht: Er, der den Attentäter von Christchurch bewunderte und sich nach eigener Aussage von ihm inspirieren ließ, will ebenso öffentlichkeitswirksam und berüchtigt sein.

          Im Gerichtssaal: Richterin Ursula Mertens (Mitte) leitet den Gerichtsprozess.
          Im Gerichtssaal: Richterin Ursula Mertens (Mitte) leitet den Gerichtsprozess. : Bild: Reuters

          Nichts ist ihm so wichtig wie das Wissen, dass sein Videostream auf der Plattform „Twitch“ von mehr als 2.500 Menschen gesehen wurde, bevor die zu Amazon gehörende Seite ihn endlich löschte, oder dass mindestens 55.000 Menschen das Video später noch in „Telegram“-Kanälen gesehen haben. Nichts will er mehr als eine Bühne wie diese.

          Solomon ist nach Deutschland gekommen, um ihren Master of Fine Arts zu machen. Mit künstlerischer Sensibilität hat sie verfolgt, wie Behörden und Medien sich dem Attentat genähert haben. Hätte man sich nicht gewehrt, erzählt sie, dann wäre die „berühmteste Tür Deutschlands“ („Tagesspiegel“) das einzige Opfer mit Synagogenbezug geblieben. Sachschaden. Reportagen über Antisemitismus als Lob auf das deutsche Handwerk. Erst später wird der Anklage versuchter Mord in 52 Fällen hinzugefügt.

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