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NSA-Skandal : Der verwettete Mensch

  • -Aktualisiert am

Das „Data-Center“ der NSA, in der Ortschaft Bluffdale, Utah. Bild: AP

Wenn die amerikanische National Security Agency unser digitales Leben überwacht, verschmelzen ökonomische und militärische Logik. Unser Verhalten soll prognostizierbar werden. Ein Außen gibt es nicht mehr, wer nicht mitspielt, ist verdächtig.

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          Die NSA-Abhöraffäre markiert nicht die Verletzung der Grenzen zwischen ziviler und militärischer Welt; sie ist das Datum ihrer endgültigen Verschmelzung. Hier sind nicht zwei sonst sorgfältig voneinander geschiedene Institutionen gewissermaßen beim Seitensprung ertappt worden. Hier wurde eine Ehe fürs Leben geschlossen.

          Das ist nicht Orwell. Orwell ist vergleichsweise leicht: Ein totalitäres System und die Bedürfnisse des freiheitsliebenden Menschen sind leicht auseinanderzuhalten.

          Ein letzter Mosaikstein

          Was wir erleben und wofür die NSA-Enthüllung nur den letzten Mosaikstein bildet, ist eine Symbiose kommerzieller und militärischer Rationalität. In ihr verschmelzen Kriterien des persönlichen Nutzens mit denen der militärischen Feindaufklärung: auf der einen Seite der Effizienzgewinn durch Google-Earth, die jedem Einzelnen einen Feldherrnhügel bei der Navigation in der modernen Welt verschafft; auf der anderen Seite ein Unternehmen, das Autos losschickt, um jedes einzelne Haus des Planeten zu fotografieren und, wie man sich erinnert, nebenher Wireless-Lan-Daten abzuschöpfen; und das gerne auch mal einen Direktor der NSA für das eigene Unternehmen abwirbt.

          Die Verstörung über Edward Snowdens Enthüllung ist keine darüber, dass jemand wie bei Watergate in Apartments einbricht und Wanzen, nicht einmal Trojaner installiert. Es ist der Schock darüber, wohin uns die Marktautomaten der Informationsökonomie zielsicher navigiert haben: in die Welt von Doppelagenten, die uns Suchergebnisse, Bücher, Freundschaften oder auch nur einen Arzttermin verschaffen und im Gegenzug jeden einzelnen unserer Schritte aufzeichnen, speichern und weitermelden.

          Was interessiert die NSA?

          Es mag sein, dass die NSA einige hochspezifische Anforderungen an die Digital-Industrie zur Terrorabwehr hatte; plausibler ist, worauf Constanze Kurz angesichts der astronomischen Datenmengen hinwies: dass die Aktion ebenso von Wirtschaftsspionage motiviert ist. Aber die entscheidende und völlig unbeantwortete Frage lautet: Beginnt sich die NSA für einen zu interessieren, weil sie Informationen aus dritter Hand hat - oder weil sie liest, hackt und aggregiert, was von uns ohnehin auf Facebook und im Netz vorhanden ist? Digitale Börsen-, Kommunikations- und Geheimdienstsysteme wollen nicht wissen, was war oder was ist, sondern was sein wird. Sie wollen Risiken einpreisen und minimieren: vom Aktienkurs über die Kreditwürdigkeit, die Gesundheitsprognose bis hin zur Frage, ob man im Begriff ist, ein Verbrechen zu begehen.

          “Wir wissen, was sie morgen tun werden.“ Der Satz stammt eben nicht von der NSA, sondern vom Chef der „Fair Isaac Corporation“, jener Firma, die einst das Kredit-Scoring erfand und es nun ans digitale Zeitalter „angepasst“ hat.

          Die Wurzeln von Big Data

          Die Verschmelzung der militärischen und ökonomischen Sphären hat eine neue gesellschaftliche DNA geschaffen, in der private Wirtschaftsunternehmen mit militärischer Rationalität und Präzision Daten produzieren können und militärische und geheimdienstliche Bürokratien sie nach privatwirtschaftlichen Effizienz- und Risikokriterien verwerten dürfen.

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