https://www.faz.net/-gqz-79zhw

NSA-Skandal : Der verwettete Mensch

  • -Aktualisiert am

Daten als Prognosen über unser Leben

Doch man verkennt das Wesen dieser wahrhaft Faustschen Wette, in die der Zivilist im einundzwanzigsten Jahrhundert eingetreten ist. Persönliche Daten haben nichts mehr mit Name, Adresse, Alter und Geschlecht zu tun - all das lässt sich mittlerweile in manchmal nur drei Schritten herausfinden. Daten im einundzwanzigsten Jahrhundert sind Erzählungen über unsere Zukunft, die wir nicht kennen. Nicht die Daten in unserem Pass sind, wie sich mittlerweile herumgesprochen haben dürfte, die Hintertreppe in unsere Seele, sondern deren Kombination zu neuen Lebensnarrativen über unseren digitalen Doppelgänger. Oder in den Worten des datenschutzunverdächtigen Eric Schmidt: „Wir stehen vor einem Wandel von einer Identität, die in der physischen Welt entsteht und in die virtuelle Welt projiziert wird, hin zu einer Identität, die in der virtuellen Welt geschaffen und in der physischen Welt erlebt wird.“

Überwachung ist eben nicht nur ein Bestandteil der militärischen Sphäre, sondern auch der industriellen Moderne. Shoshana Zuboff hat diese schon vor Jahren angesichts der ersten digitalisierten Firmen beschrieben. Der Arbeiter in der Moderne wurde nicht nur aus Effizienzgründen überwacht, sondern um seine Handgriffe so sehr auf maschinentaugliches Format zu reduzieren, dass er schließlich von Maschinen, die ihn imitierten, ersetzt werden konnte.

Heute hat sich auch das umgekehrt: Wir tragen Maschinen mit uns herum, die jeden unserer Handgriffe beobachten, um einen virtuellen Doppelgänger von uns herzustellen, der tut, was wir tun werden. Und das ist die Botschaft von Snowdens Tat: Nach Jahrzehnten des Spiels mit Virtualität nimmt die NSA diesen Doppelgänger ernster als den wirklichen Menschen.

Deregulierte Finanzmärkte nur der Anfang

Die NSA-Affäre zeigt, was es ist, was wir künftig erleben können: algorithmische Interpretationen unserer Existenz, die mit den Muskelpaketen des staatlichen Gewaltmonopols in der „wirklichen“ Welt durchgesetzt werden können. Nicht nur Eric Schmidt prognostiziert, dass wir unser digitales Ich systematisch managen müssen. In einer Welt, in der das Leben wie ein Aktienkurs bewertet werden kann, werden die Menschen tatsächlich zu Managern ihres eigenen Ichs werden müssen. Nichts, das keinen Preis haben wird.

Wir halten, mit Recht, die Regulierung enthemmter und automatisierter Finanzmärkte für eine der wesentlichen Forderungen an die Politik. Aber man sieht: Sie ist ein Anfang nur. Die Regulierung sozialer Kommunikation kann tatsächlich zur Freiheitsfrage einer Gesellschaft werden, die zur Verwirrung der Systeme schon damit beginnt, sich drei, vier, ungezählte virtuelle Identitäten zuzulegen (leider erfolglos).

Europas Aufgabe

Europa, das so sehr nach seiner Vision sucht, hätte hier eine. Vielleicht können wir wenig ausrichten gegen die Überwachungssysteme von Supermächten, die sogar die Virenscannerprogramme zur Ausspähung einsetzen. Aber Europa könnte Alternativsysteme schaffen, die sich der unmittelbaren kommerziellen Nutzung entziehen und damit die Verschmelzung der Kerne womöglich beendet: zumindest im Bereich von Suche und von sozialen Netzwerken.

Das braucht Subventionen, eine Vision groß wie die Mondlandung. Aber auch das Silicon Valley ist das Ergebnis von fünfzig Jahren staatlicher Subvention. Schön, wenn Minister und Ministerpräsidentin ins Silicon Valley reisen und mit Googles Datenbrille posieren. Aber die Frage stellt sich, ob wir wollen, dass unser Leben durch diese Brille gelesen wird.

Weitere Themen

Topmeldungen

Präsident Donald Trump am 10. Oktober auf dem Balkon des Weißen Hauses

Druck auf Impfstoff-Hersteller : Trump im Nacken

Der amerikanische Impfstoffhersteller Pfizer steht bei der Suche nach einem Corona-Impfstoff an vorderster Front. Konzernchef Bourla spürt viel Druck aus dem Weißen Haus, vor der Wahl gute Nachrichten zu liefern.
Biden-Unterstützerin bei einer Rally in der Kleinstadt Boca Raton, Florida

Wählergruppe der Suburban Moms : Was Vorstadtmütter wirklich wollen

Weiße Frauen der oberen Mittelschicht sind in Amerika eine umkämpfte Wählergruppe. Aber Donald Trumps Vorstellung einer Mutter aus der Vorstadt stammt aus den Fünfzigern – das könnte ihn diese wichtigen Stimmen kosten.

Zum Tod des Schauspielers : Der höfliche Mister Connery

Sean Connery wirkte dank seines Körpers rauh und barbarisch, doch er konnte auch zivilisiert auftreten. Um zu überzeugen, musste er stets nur er selbst sein. Mit 90 Jahren ist er nun gestorben.
Unbedrängt bis vor das Kölner Tor: Münchens Serge Gnabry hat es leicht.

Fußball-Bundesliga : Der FC Bayern macht, was er will

Auch ohne Starstürmer Robert Lewandowski ist der FC Bayern derzeit nicht aufzuhalten. In Köln gibt es die nächsten drei Punkte – auch weil dem Gegner teilweise haarsträubende Fehler unterlaufen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.