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NSA-Skandal : Der verwettete Mensch

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Das verändert die Lage vollständig. Darum ist Orwells „1984“, das gerade die Bestsellerliste zurückerobert, auch ein irreführendes Modell. Zu „1984“ als dem ganz Anderen kann man sich verhalten. Denn die Überwachungssysteme Orwells wie auch die im „Leben der Anderen“ sind ideologisch und totalitär. „Big Brother“ will die Persönlichkeit auslöschen und gibt erst Ruhe, als Winston seine Liebe aus Angst vor Folter verrät.

Wer nicht mitmacht, ist verdächtig

Wo Überwachung aber Bestandteil fast aller sozialen und ökonomischen Transaktionen geworden ist, die einem massive Vorteile auch auf sozialen „Wettbewerbsmärkten“ verschafft (sonst würde man beispielsweise sein GPS sofort abschalten), geht das nur unter Preisgabe der eigenen Lebenschancen. Warum sollt man das tun, wo im schlimmsten Fall nervige Werbung droht?

Doch mittlerweile droht nicht nur Werbung, sondern Verdacht. Nicht zufällig stellt Eric Schmidt, der Aufsichtsratschef von Google, in seinem neuen Buch die Frage, ob Staaten erlauben und Unternehmen akzeptieren können, dass sich Bürger der digitalen Kommunikation verweigern. Er sagt „Listen“ voraus (ohne mit ihnen zu sympathisieren!), durch welche diejenigen, die nicht mitmachen und das Opt-out wählen, gerade verdächtig werden.

Dinge, die uns beobachten

Überwachung als Bestandteil der Informationsgesellschaft verhindert ohne Zweifel Verbrechen und Terroranschläge. Sie verhindert aber auch, wie Stephen Baker gezeigt hat, dass die angeblich falschen Leute Kredite bekommen oder Karriere machen. Überwachung in der Gesellschaft der Zukunft ist eine gigantische Risikoeinpreisungsmaschine, die buchstäblich alles bewertet und hochrechnet. Vor ein paar Wochen hat Gordon Bell, Chef-Techniker bei Microsoft, hymnisch die nächste Vollkommenheitsstufe dieser Welt beschrieben.

Im „Internet der Dinge“ wird jeder Gegenstand, vom Toaster bis zur Türklingel, seine eigene IP-Adresse (und seine eigene Facebook-Seite) haben. „Alles wird eine Identität haben“, sagt Bell, und alles wird in Echtzeit den Versicherungsunternehmen seine eigenen Versagensrisiken übermitteln. Unnötig hinzuzufügen, dass auch, wie in unserem verzeichneten Leben, nichts mehr verloren gehen wird.

Bis in die letzen Winkel

Philip Bobbitt, früheres Mitglied des Nationalen Sicherheitsrats und Befürworter des „Informationsmarktstaates“, der im Wesentlichen ein Überwachungsstaat ist, hat aus eigener Anschauung berichtet, dass die Fähigkeit der NSA, menschliche Kommunikationssignale in Echtzeit aufzuzeichnen und auszuwerten, ziemlich genau der Fähigkeit moderner Staaten entspricht, internationale Geldströme zu verfolgen. Und Geoff Hollingworth von Ericsson prognostiziert im Gespräch mit Gordon Bell, dass die neue technologische Zivilisation eine einzige riesige Börse wird: „Dinge . . . sind Algorithmen, und sie wetten gegeneinander.“

Der NSA-Skandal wird, wie die Dinge liegen, in den USA wenig Aufregung erzeugen und in Europa mit einer Mischung aus Resignation und Appeasement murrend hingenommen werden. Das liegt daran, dass die Gesellschaft immer noch in den Mustern George Orwells denkt. Mag sein, sagt sich der zeitungslesende Mensch, dass die NSA Milliarden Daten gelesen hat, aber es ist offenbar noch nicht einmal ein Dutzend unschuldig verhaftet worden. Mag sein, irgendwelche Personalchefs, Kreditgeber oder Krankenkassen screenen unsere Zukunft, aber gemerkt haben wir das nicht. So etwa setzt sich das Sedativum zusammen.

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