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NSA-Skandal : Der verwettete Mensch

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Big Data beispielsweise, der Inbegriff der neuen Unternehmenskultur, wird bekanntlich gerade als das nächste ganz große Ding von Amazon bis IBM weltweit annonciert und implementiert. Tatsächlich handelt es sich bei Big Data aber nicht um eine Innovation, sondern um die Transformation eines militärischen Projekts in ein ökonomisches. Das Einzige, was neu ist, ist die Dimension des Unterfangens, die wiederum nur von den Kosten des digitalen Speichers und dem Vernetzungsgrad der Gesellschaft abhängt.

Paul Brackens 1983 (!) erschienener Klassiker über „Kommando und Kontrolle der Nuklearen Streitkräfte“ liest sich wie eine Werbebroschüre der Big-Data-Industrie. Computertechnologie, so Bracken vor dreißig Jahren, mache es jetzt möglich, Myriaden von Datenfragmenten des Feindes zu sammeln, auszuwerten und zu aggregieren. Damit ist auch die Zeit der Superspione vorbei, denn die ganz großen Geheimnisse werden, so Brackens Diagnose, viel präziser durch die Analyse der alleralltäglichsten Routinen in der Informationsökologie entschlüsselt.

Militärische Logik für den Absatz

Was das bedeuten kann, sagt, viele Jahrzehnte bevor eine amerikanische Supermarktkette herausfindet, dass der plötzliche Kauf von unparfümierter Body-Milk (3. Monat) und von Vitamintabletten (5. Monat) auf die Schwangerschaft der Käuferin schließen lässt, am 10. August 1982 Admiral Noel Gaylor: „Wenn wir die Kommunikation von Wäschereien in sowjetischen Häfen überwachen könnten, hätten wir gute Hinweise auf das Aus- und Einlaufen russischer U-Boote.“

Doch die Implementierung militärischer Überwachungsrationalität in unser ziviles Leben ist nur die eine und durchaus akzeptierte Seite der Verschmelzung. Die andere Seite ist die Ökonomisierung von Überwachen und Strafen durch die militärische und geheimdienstliche Bürokratie. Drei Sätze dazu: „Wir konzentrieren uns zu sehr auf unser handwerkliches Können als auf unsere Kunden, Partner und Stakeholder.“ Gefordert sei, die „Transformation“ des Unternehmens „von einem Monopol des industriellen Zeitalters zu einer Organisationsform des Informationszeitalters, die in Wettbewerbsmärkte eingetreten ist“. Sie müsse „das Internet als einen Kraft-Verstärker umarmen“, als ein Vehikel, „um zahllose Exzellenz-Zentren mit Mitarbeitern auf der ganzen Welt“ zu schaffen. Die Sätze stammen nicht von Chrysler oder den deutschen Zeitungsverlegern, sondern aus dem Gründungsmanifest, mit dem im Jahre 1999 der damalige NSA-Direktor Michael Hayden die Sicherheitsbehörde neu organisierte.

Neu sind die Weisen der Aggregation

Wo Privatunternehmen ihre Produkte partiell geheimdienstlich und Geheimdienste ihre Produkte partiell privatwirtschaftlich herstellen, ist der Begriff der „Informationsökonomie“ und „Wissensgesellschaft“ endgültig bei sich selbst angekommen. Tatsächlich spricht die NSA gerne und oft von ihrem „Produkt“ und nicht von Informationen, während umgekehrt fast schon die Autoverkäufer nicht mehr von Autos, sondern von Informationssystemen reden.

Neu ist nicht, dass die NSA menschliche Kommunikation überwacht; neu ist, dass durch die Verschmelzung der Sphären die Auswertung, Aggregation und Verwendung der Daten ökonomisch organisiert sind.

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