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NSA-Chef Alexander bei „60 Minutes“ : Wer weiß, ob die Deutschen nicht Obama abhören?

Keith Alexander wird im Frühjahr sein Amt bei der „National Security Agency aufgeben“ Bild: AP

General Alexander stellt die Bundeskanzlerin ins Zwielicht und lässt eine Verschwörung der Chinesen gegen die Weltwirtschaft enthüllen. Im Fernsehmagazin „60 Minutes“ unterbleiben Nachfragen des Reporters.

          General Keith Alexander, der Direktor der National Security Agency, hat den Verdacht geäußert, dass deutsche Geheimdienste den Telefonverkehr des Weißen Hauses mitschneiden. In einem am Sonntagabend ausgestrahlten Interview mit John Miller von „60 Minutes“, dem politischen Magazin des Fernsehsenders CBS, äußerte sich Alexander unter anderem zu den Aussichten einer Begrenzung der Spionageaktivitäten der NSA durch bilaterale Verträge der Vereinigten Staaten mit einzelnen ihrer Verbündeten.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Alexander legte Wert auf die Feststellung, dass es hier um eine politische Frage geht, die in die Zuständigkeit des Weißen Hauses fällt, äußerte aber eine Einschätzung, die als Vorgabe zu verstehen war: Aus seiner Sicht müsse eine solche Abmachung ein Abkommen auf Gegenseitigkeit sein – beide Seiten müssten symmetrisch Verzicht leisten. Die Frage des Interviewers, ob er glaube, dass Bundeskanzlerin Merkel bei den Telefongesprächen Präsident Obamas mithöre, wollte Alexander nicht verneinen. „Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass sie große Geheimdienstkapazitäten haben und dass sie im Ausland Informationen sammeln – genau wie wir.“

          Seit das Anzapfen des Mobiltelefons der Kanzlerin bekannt geworden ist, haben Sprecher des amerikanischen Geheimdienstapparats die deutsche Empörung als verlogen hingestellt – unter Verweis auf eine angebliche Normalität des Ausspionierens unter Freunden. Diesen Vorwurf konnte man mit diplomatischem Wohlwollen im Sinne einer objektiven Unwahrhaftigkeit verstehen. Tatsächliches Wissen um die angeblichen deutschen Praktiken musste den Empörten nicht unterstellt werden – im Gegenteil mochte selbstgerechtes Nichtwissenwollen den Deutschen besonders ähnlich sehen.

          Ohne mit der Wimper zu zucken, erhöhte Alexander im Spiel der moralischen Provokationen den Einsatz. Sollte Frau Merkel vom BND tatsächlich mit O-Tonkonserven aus dem Oval Office beliefert werden, müsste ihre Fassungslosigkeit angesichts des Einbruchs in ihre Privatsphäre fingiert gewesen sein. Ihre Beschwörung der Selbstverständlichkeiten der Alltagsmoral, der schlichte Satz, unter Freunden tue man so etwas nicht, wäre eine zynische Finte gewesen.

          Meister im Schachspiel

          Dass es so war, ist politisch undenkbar. Aber der General wollte es nicht undenkbar nennen, denn er möchte bei jeder Gelegenheit demonstrieren, dass er die politischen Bewertungen seinen Dienstherren überlässt. Er äußert sich als Fachmann, der leider auch menschlich unerfreuliche Eventualitäten ins Kalkül ziehen muss. Wie ein Meister im Schachspiel, der Kombinationen beherrscht, die seine wertvollsten Figuren schutzlos exponieren, nahm Alexander in Kauf, dass er sich durch das Offenhalten der Option einer deutschen Lauschoffensive eine Blöße gab. Die Aufgabe der NSA sei die Auslandsaufklärung, hatte er an anderer Stelle des Interviews gesagt, um seinen Landsleuten wieder einmal zu versichern, dass sie keine Ziele seien. Und er hatte das Eigenlob hinzugesetzt: „Wir sind darin ziemlich gut.“ Aber angeblich nicht gut genug, um mit hinreichender Sicherheit ausschließen zu können, dass die Deutschen den Code von Obamas Diensttelefon geknackt haben.

          Technisch ist uns das zuzutrauen: Das wohlfeile Kompliment ist vergiftet, weil mit dem Gleichgewicht der Fähigkeiten eine moralische Asymmetrie einherginge. Frau Merkel bekäme natürlich die Mitschriften auf den Tisch, aber Obama hat wissen lassen, dass er von nichts wusste. Alexanders mephistophelische Schulung zeigte sich allerdings auch darin, dass seine Ausführungen zur Zuständigkeitsverteilung geeignet waren, Zweifel an Obamas Schimmerlosigkeit zu nähren. Er ließ den Interviewer darauf hinweisen, dass die Auswahl der abzuhörenden ausländischen Spitzenpolitiker nicht Sache der NSA ist, sondern höheren Ortes getroffen wird. Alexander wird im nächsten Jahr aus dem Amt scheiden, macht aber deutlich, dass er das Staatsinteresse, wie es sich seiner Truppe darstellt, auch gegen formell weisungsbefugte Politiker zu verteidigen gedenkt.

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