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NSA-Chef Alexander bei „60 Minutes“ : Wer weiß, ob die Deutschen nicht Obama abhören?

Bei seinem NSA-Besuch machte sich Miller als Stichwortgeber nützlich. Eingangs konfrontierte er General Alexander mit der angeblich in der Bevölkerung umgehenden Befürchtung, die NSA schneide alle Telefongespräche der Amerikaner mit und schreibe alle ihre Emails ab. Dankbar gab der General Entwarnung! Wie weit verbreitet dieses Missverständnis der von Snowden bekannt gemachten Datensammelprogramme tatsächlich ist, steht dahin. Die Zeitungen und auch das Fernsehen haben oft genug erklärt, warum die vermeintlich inhaltsleeren Metadaten der Verbindungsprotokolle für die NSA so wertvoll sind. Miller erlaubte sich eine einzige kritische Frage: Benötigt die NSA wirklich die Telefondaten aller Amerikaner? Genügt es nicht, die Verbindungsnachweise zu einzelnen verdächtigen Nummern anzufordern?

Die brisanteste Information der Sendung betraf China. Angeblich hat die kommunistische Supermacht ein Computervirus gezüchtet, das jeden Computer funktionsunfähig machen kann. Es ergreift im Moment des Einschaltens Besitz vom Rechner, tarnt sich als Software-Update und verwandelt das Gerät, mit dem plastischen Ausdruck Debora Plunketts, in einen „Ziegelstein“. Indem Miller tunlichst jede Nachfrage unterließ, blieben die Angaben scheinspezifisch – wie bislang noch jede nachträgliche Terrorwarnung der NSA. Frau Plunkett beschwor die Gefahr eines durch Hacker ausgelösten Zusammenbruchs der Weltwirtschaft und nahm freudig auf, dass Miller in gespielter Ungläubigkeit von einem Szenario aus einer Agentenfilmparodie sprach. „Lassen Sie sich nicht hereinlegen! Es gibt Nationalstaaten, die die Fähigkeit und die Absicht haben, genau das zu tun.“

Von einer „BIOS-Verschwörung“ (BIOS, „basic input/output system“, heißt die dem Betriebssystem vorgeschaltete Software) ist angeblich in der NSA die Rede, die durch die Zusammenarbeit der NSA mit Computerfirmen vereitelt worden sein soll. Hatten die Chinesen demnach tatsächlich versucht, eine Kettenreaktion rund um den Globus in Gang zu setzen? Ob sie denn die Notversorgung ihres Riesenreiches organisiert haben, auf die sie im Falle eines Ausfalls der amerikanischen Wirtschaft angewiesen wären, wollte Miller nicht wissen. Matthew M. Aid, Autor einer 2010 erschienenen Geschichte der NSA, berichtete in der Zeitschrift „Foreign Policy“ im Oktober aus der Hackereinheit, die in der NSA auf chinesische Ziele angesetzt ist. Laut Aids namenlosen Informanten gibt es in der NSA eine Abteilung mit dem Namen des Office of Tailored Access Operations (TAO), die im Ernstfall einen vom Präsidenten befohlenen Cyberangriff auszuführen hätte: mit dem Ziel der Zerstörung der feindlichen Computernetze. Auch danach fragte Miller nicht, obwohl General Alexander und seine Kollegen, wenn sie nicht im Fernsehen reden, sondern auf Zusammenkünften der „intelligence community“, kein Hehl daraus machen, dass sie China deshalb fürchten, weil sie genau wissen, welche Kapazitäten für die Cyberkriegseröffnung die Vereinigten Staaten selbst entwickelt haben.  In dieser Branche kann man Markenpiraten schließlich schlecht verklagen.

Am Freitag reichte in Washington eine vom Präsidenten eingesetzte Beratergruppe ihre Reformvorschläge für die NSA ein, die im Januar veröffentlicht werden sollen. Obama ließ schon vorab wissen, dass der Oberbefehl über die Cyberstreitkräfte und die Leitung des Militärgeheimdienstes in der Hand von General Alexanders Nachfolger vereinigt bleiben sollen.

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