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NSA-Chef Alexander bei „60 Minutes“ : Wer weiß, ob die Deutschen nicht Obama abhören?

Unschuldsvermutung?

Wie würde er es rechtfertigen, dass er sich nicht zu einer Unschuldsvermutung zugunsten der deutschen Kollegen verstehen wollte? In seinem Metier weiß man, dass offizielle Verlautbarungen keinen Beweiswert haben. Die Deutschen betreiben Auslandsaufklärung „genau wie wir“ – diesen Satz Alexanders darf man auch auf den Umgang mit der Wahrheit beziehen. CBS verkaufte es als Sensation, dass das Team von „60 Minutes“ Zutritt zur NSA-Zentrale in Maryland erhalten hatte, und nicht nur den Chef interviewen konnte, sondern auch einige seiner Untergebenen, von Debora Plunkett, der Abteilungsleiterin für Cyberverteidigung, bis zu jungen Tüftlern im Codeknackerressort.

Der gute Ruf von „60 Minutes“ beruht auf Leistungen im Fach der investigativen Recherche. Die vermeintlichen Neuigkeiten, die in den Tagen vor Ausstrahlung der Sendung von anderen Medien aufgrund von Informationen aus der CBS-Presseabteilung verbreitet wurden, sind freilich nicht das Ergebnis von Bemühungen, die im Sinne des journalistischen Handwerks investigativ genannt werden könnten. „Meinungsverschiedenheiten in der NSA über Amnestie für Snowden“: So lautete eine typische Schlagzeile. Miller hat nicht in vertraulichen Gesprächen herausgehört und durch Nachfragen verifiziert, dass es einen solchen Dissens gibt. Vielmehr haben General Alexander und Richard Ledgett, der in der NSA eine Arbeitsgruppe zur Aufarbeitung des Snowden-Fiaskos leitet, ihm ihre unterschiedlichen Meinungen vorgetragen.

Bizarre Details

So wird der Eindruck zerstreut, die Leitung der Firma sperre sich aus Starrsinn gegen den Gedanken eines Gnadenerweises, der Snowden dem russischen Einfluss wieder entziehen könnte. Ledgett, dem in der Arbeitsteilung mit seinem Chef der Part des Pragmatikers zufiel, konnte sich allerdings eine scherzhafte Bemerkung nicht verkneifen, die zeigte, wie mächtig das Rachebedürfnis bei Snowdens ehemaligen Kollegen sein muss. Was er Snowden sagen würde, wenn er mit ihm sprechen könnte? „Ich würde ihn fragen, wie ihm der russische Winter gefällt.“

Bizarr ein Detail von der Erkundungsreise, die Alexander und Ledgett nach Hawaii unternahmen, weil sie verstehen wollten, was Snowden für ein Mensch war. Am Computer soll er sich und dem Gerät eine Decke übergeworfen haben, damit seine Freundin nicht sah, woran er arbeitete. Miller: „Ziemlich seltsam, diese Angewohnheit.“ Ledgett: „Ich stimme zu.“ Seit 25 Jahren arbeitet Ledgett bei der NSA, aber Geheimniskrämerei ist ihm suspekt.

Übereinstimmend geben Alexander und sein leitender Mitarbeiter die Meinung zum Besten, dass die NSA mehr tun müsse, um ihre Arbeit zu erklären. Miller ließ sich vor der Kamera von Ledgett versichern, dass er noch nie ein Fernsehinterview gegeben habe, aber der Nachrichtenagentur Reuters stand Ledgett in der vergangenen Woche für ein einstündiges Gespräch zur Verfügung, bei dem möglicherweise keine Kamera mitlief. Der geheimdienstfreundliche Blog „Lawfare“ hat eine ganze Serie von Interviews mit führenden NSA-Leuten aufgenommen. So erleben wir in diesen Tagen eine Informationsoffensive der NSA. Die Unterrichtung des Publikums muss dem Auftrag der Behörde dienen, ist selbst ein Teil jener Aufklärung, die dieser Auftrag ist. Anders gesagt: Alle einzelnen Informationen, die die NSA preisgibt, stehen in einem umfassenden Zusammenhang der Desinformation.  Denn gemäß der kriegerischen Logik, die die Arbeit der NSA bestimmt, muss das oberste Ziel ihrer Informationsstrategie die Irreführung des Feindes sein.

Man könnte John Miller, der seit 2005 mit dem Titel eines Senior Correspondent bei CBS arbeitet, als Korrespondenten der Sicherheitsbehörden beim Fernsehen charakterisieren. Er war Sprecher von William Bratton in dessen erster Amtszeit als New Yorker Polizeichef, ging mit Bratton nach Los Angeles und war in Washington sowohl im Stab des obersten Geheimdienstdirektors als auch als Leiter der Kommunikationsabteilung im FBI tätig.

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