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NSA-Abhöraffäre : Die scheinheilige Schnüffelei

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Murphys Gesetz schlägt zu

Der Begriffsapparat dafür stammt aus der klassischen Labordiagnostik und ist etliche Jahrzehnte alt. Dort ist es ein akzeptiertes Gesetz, dass Geräte oder Laboranten Fehler machen und man sich mit diesen auseinandersetzen muss. Positiv heißt dort, dass zum Beispiel eine Probe zur Untersuchung eines HIV-Verdachts auf eine Infektion hinweist. Richtig positiv, dass die Analyse die Infektion bestätigt, falsch positiv, dass die Probe fälschlicherweise eine Infektion anzeigt. In Laborsprache positiv ist also gleichbedeutend mit einer Katastrophe für den betroffenen Menschen. Richtig negativ heißt dagegen, dass der Mensch nicht infiziert ist und falsch negativ, dass der Test die vorhandene Infektion fälschlicherweise nicht angezeigt hat. Zwar sprachlich absurd, aber das Beste, was einem Menschen passieren kann, ist, richtig negativ zu sein. Falsch negativ heißt, dass eine vorhandene Infektion oder Krankheit durch den Test nicht angezeigt wird. Auch dieser Fehler kann außerordentlich schwer wiegende Folgen haben. Bedeutet er doch falsche Sicherheit, was im medizinischen Zusammenhang dazu führen kann, dass eine Frau kurz nach einer befundlosen Mammographie-Untersuchung beim Ertasten eines Knotens in der Brust nicht mehr zum Arzt geht.

Der Stempel „terrorverdächtig“

Die Situation bei klinischen Untersuchungen, Massenscreenings, Tests, Kommunikationsüberwachung und Datensammeln ist tatsächlich immer so: Es gibt richtig Positive und Negative sowie falsch Positive und Negative. Bei einem idealen Verfahren würden alle Beobachtungen und Befunde richtig Positive und Negative sein. Ein solches Verfahren gibt es nicht. Das sagen der gesunde Menschenverstand, die Empirie und Murphys Gesetz: Alles, was möglich ist, passiert auch irgendwann. Also auch jeder mögliche Fehler und damit falsch Positive und falsch Negative. Also bleibt nur, ihre Zahlen zu minimieren. Das ist der Inhalt von Fehlervermeidungsstrategien, für die die Kenntnis dieser Zahlen Grundvoraussetzung ist.

Wie man in den Fehlergruppen landen kann, hängt völlig vom konkreten Verfahren und den Rahmenbedingungen ab. Die aktuellen Geschehnisse liefern dafür Anschauungsmaterial. Mit dem Stempel „terrorverdächtig“ im Netz der Datensammler und -auswerter hängenzubleiben kann ziemlich einfach sein. Fliegt ein jüngerer dunkelhäutiger Deutschlibanese für eine Partywoche nach Mallorca und schreibt eine SMS nach Hause mit den Worten „Alles super hier, Bombenstimmung und die Mädels sind granatenmäßig gut drauf“, dann hat er schon vier Bedingungen erfüllt, die Verdacht auf ihn lenken können.

Was bei der NSA im Einzelnen passiert, darüber kann natürlich nur spekuliert werden. Bild- und Texterkennung haben zwar Fortschritte gemacht, aber wie primitiv diese Verfahren praktisch noch arbeiten, kann man nur ahnen. Es ist nicht davon auszugehen, dass verdächtige Worte bei den ungeheuren Datenmengen durch intelligente Verfahren als falsch verdächtig korrigiert werden. Falsch Verdächtige bei der Ausspioniererei Unverdächtiger dürften größtenteils Folge von falsch interpretierten Merkmalen und dem zufallsbedingten Auftreten mehrerer Merkmale sein, die allein keinen Alarm auslösen.

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