https://www.faz.net/-gqz-8bf4f

NS-Raubkunst : Das Bild gehört meiner Familie

  • -Aktualisiert am

Ein Fall mit weitreichenden Folgen: Otto Maier ist Tscheche und 83 Jahre alt. Er überlebte den Holocaust. Aus Deutschland fordert er ein Gemälde zurück, das noch immer im Besitz des Bundes ist.

          6 Min.

          Kürzlich erschien im DuMont Verlag eine Chronik des Kölner Auktionshauses Lempertz, die vierhundert Seiten umfasst. Der Zeit des Nationalsozialismus sind darin lediglich zehn Seiten gewidmet, über die Versteigerung vom 30. November 1939 erfährt man kein Wort. Dabei ist gerade sie für die anhaltende Debatte über NS-Raubkunst besonders interessant, da eines dieser Werke bis heute im Besitz der Bundesrepublik Deutschland ist - das Gemälde „Adonis wird durch Amoretten zum Lager der Venus geführt“ (Werkstatt von Francesco Albani). Das Bild hängt im Schlossmuseum Wilhelmshöhe in Kassel als Dauerleihgabe des Bundes. „Das Bild gehörte meiner Familie“, sagt Otto Maier. Der 83 Jahre alte Holocaust-Überlebende aus dem tschechischen Karlsbad will es mit Hilfe eines Anwalts zurückfordern. Doch laut dem Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen (BADV) lässt sich ein NS-verfolgungsbedingter Vermögensverlust nicht nachweisen. Im Besitz des BADV befinden sich etwa 2300 Kunstwerke, die nach Kriegsende von den Alliierten aufgefunden wurden und deren ursprüngliche Eigentümer nicht ermittelt werden konnten. Bisher entscheidet das BADV allein, ob ein Werk restituiert wird oder nicht.

          Der „Adonis“-Fall zeigt, wie problematisch diese Praxis ist. Zahlreiche Dokumente widersprechen der Einschätzung des BADV, das Gemälde sei nicht verfolgungsbedingt entzogen worden. Von der Entscheidungsfindung sind Vertreter von Opferverbänden und die Erben allerdings ausgeschlossen, eine unabhängige Institution für Streitfälle gibt es nicht.

          Von der Lempertz-Auktion berichtet die „Weltkunst“ im Januar 1940. „Außerordentlich günstige Ergebnisse“, jubelte ein Autor dort. Das „Adonis“-Gemälde ging an eine Industriellengattin, die es Hermann Göring zu Weihnachten schenkte. Laut Katalog waren die Bilder Teil einer „bedeutenden sudetendeutschen Sammlung“, die 37 Werke umfasste. Der Einlieferer lasse sich, so Lempertz, nicht mehr ermitteln, da die Akten fehlten.

          Die Spurensuche führt weiter ins Jahr 1935, nach Karlsbad. Bis dahin gehörte die Gemäldesammlung dem Onkel Otto Maiers, dem jüdischen Porzellanfabrikanten Arthur Maier. Bevor er starb, bestimmte er testamentarisch seine uneheliche Tochter Marianne Matella zur Alleinerbin. Neben der Villa Splendid, einem der luxuriösen Kurhäuser der Stadt, erhielt sie seine Gemäldesammlung. Die Zeitschrift „Der Sammler“ hatte sie 1925 „in die Reihe der großen europäischen Privatsammlungen“ gestellt. Wie fast alle Karlsbader Hoteliers hatte Matella Schulden. Die Kurgäste mieden die Stadt wegen der angespannten politischen Lage im Sudetenland. Matella suchte einen solventen Käufer für die Gemäldesammlung, die Staatsgalerie in Prag konnte sich nur einen Goya leisten. Den „Gähner“ von Pieter Bruegel dem Älteren gab sie als Sicherheit für geliehenes Geld in eine Schweizer Bank. Matella und ihr Mann wollten in die Schweiz auswandern. Es war aber zu spät. Im Oktober 1938 marschierten deutsche Truppen ins Sudetenland ein. „Gleich nach der Besetzung von Karlsbad wurde ich unaufhörlich von der Gestapo verfolgt“, schrieb Matella nach Kriegsende. Ihre Aussagen liegen im Staatlichen Kreisarchiv und bei ihrem Cousin Otto Maier. „Am Tag, an dem die örtliche Synagoge niedergebrannt wurde, drang eine Horde von etwa 15 Nazis in mein Haus ein. Ich versteckte mich auf dem Dachboden und erlitt einen Nervenzusammenbruch.“

          Weitere Themen

          Nur ein Gerücht in unserer Stadt

          Pop-Anthologie (105) : Nur ein Gerücht in unserer Stadt

          Bis Weihnachten wieder zuhause? In „Shipbuilding“ besingt Elvis Costello die Bedeutung des Falklandkrieges für seine Heimat. Zugleich erzählt das Stück ein Kapitel Musikgeschichte: Bevor Chet Baker 1983 sein Trompetensolo für den Song einspielte, hatte er von Costello noch nie gehört.

          Die eine bei all den anderen

          Zum Tod von Jutta Lampe : Die eine bei all den anderen

          Eine zum Staunen verführende Erscheinung: Sie wurde von Peter Stein entdeckt und entwickelte sich zu einer der größten Theaterschauspielerinnen Deutschlands. Nun ist Jutta Lampe in Berlin gestorben.

          Topmeldungen

          Wachstumsgeschichte: Die Eschborner „Skyline“ entstand nach dem neuen Rathaus und der „kleinen Ortsumgehung“ Rödelheimer Straße.

          Eschborn : Vom „armen Kaff“ zur Boomtown

          Ein Trip durch Amerika war der Ausgangspunkt für den Aufstieg des kleinen Frankfurter Nachbarn Eschborn. Ein Mann hat maßgeblich dafür gesorgt, dass aus einem Dorf eine wohlhabende Kommune geworden ist.
          Künstliches Licht: Indoor-Farming ist energieintensiv.

          Essen aus der Stadt : So könnte die Ernährung der Zukunft aussehen

          Die meisten Lebensmittel werden über Hunderte Kilometer transportiert, bevor sie bei uns auf dem Teller landen. Urbane Landwirtschaft will das ändern – und eine Antwort auf den wachsenden Hunger auf der Welt finden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.