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Marcel Reich-Ranicki : Ich grüße, das heißt, ich lebe noch

Marcel Reich-Ranicki, Bild aus dem Jahr 1961 Bild: Staatliche Landesbildstelle Hamburg / F.A.Z.Archiv

Das NS-Opfer-Archiv in Bad Arolsen hat einen großen Teil seiner Bestände online gestellt. Das Archiv birgt Lebenszeichen wie eine Karte von Marcel Reich-Ranicki aus dem Jahr 1945.

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          Ein Besuch im Archiv lohnt immer. Zum Beispiel in jenem, das dem beschaulichen hessischen Städtchen Bad Arolsen – so darf man es sagen – zu Weltruhm verholfen hat. Hier ist der 1944 von den Alliierten gegründete Internationale Suchdienst zu Hause, der helfen sollte, kriegsbedingt zerrissene Familien wieder zusammenzuführen. Er hat sich angesichts des Wandels seiner Aufgaben jetzt einen neuen Namen gegeben: Arolsen Archives. Hier sind, großenteils auf Papier, Informationen zu etwa 17,5 Millionen Opfern des Nationalsozialismus gespeichert. Damit ist das Archiv, Teil des Unesco-Weltdokumentenerbes, das größte NS-Opfer-Archiv überhaupt. Vor allem das wehrlose Heer der Zwangsarbeiter aus den deutsch besetzten Ländern hat in Bad Arolsen einen Hüter seiner Erinnerung gefunden. Aber auch andere Opfer, wenn sie nur irgendwo irgendwann eine Spur hinterlassen haben und nicht blindlings und blitzartig ermordet wurden. Suchen wir also nach ein paar Namen. Zum Beispiel nach Marcel Reich-Ranicki, geboren am 2. Juni 1920 in einer polnisch-jüdischen Familie als Marceli Reich. Am vergangenen Sonntag wäre er 99 Jahre alt geworden.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Bald spuckt der Computer ein Lebenszeichen aus. Es ist vermutlich das erste Signal, das Reich im März 1945, noch während des Krieges, aus Polen an seine Schwester Gerda sandte, die sich vor dem Krieg nach London gerettet hatte. „REICH, Marcel grüsst Gerda und Bernard Bennet“, heißt es dort. Diese Karte wurde irgendwann in Bad Arolsen angelegt, und die Archivare haben, ihrer Aufgabe gemäß, sofort versucht, Daten über den Absender zu erfassen: „relig.: jüdisch, Nat: unbekannt“. Die englisch bezeichneten Felder für Geburtstag und Geburtsort blieben frei. Die Archivare hielten auch fest, welchen Weg diese Flaschenpost gegangen war: Der Gruß des Verwandten wurde vom wiedergegründeten Polnischen Rundfunk aus dem ostpolnischen Lublin ausgestrahlt und später von der Jewish Telegraphic Agency (JTA) in eine Kladde mit heute vergilbtem Papier eingetragen. Sie trägt den Titel: „Jüdische Überlebende in Lublin/Polen, die nach Verwandten suchen“ und verzeichnet 115 Personen, die über den Rundfunk Grüße oder Kurznachrichten versandt hatten. „CLI“ als weiteres Glied in der Kette bezeichnet vermutlich den in New York ansässigen Suchdienst Central Location Index.

          Das erste Lebenszeichen: Karteikarte aus Arolsen, die Marcel Reich-Ranickis Botschaft an seine Schwester in London vermerkt, März 1945

          Es war März 1945: Der Krieg tobte. Im Osten wurde die „Festung Breslau“ noch gehalten, die Schlacht um Kolberg hatte bereits begonnen. Marceli Reich in Warschau hatte die Rote Armee bereits im Herbst erblickt – ihre Ankunft war das Signal, dass seine Frau Teofila und er ihr lebensrettendes Versteck bei der Familie Gawin verlassen konnten. Sie begaben sich nach Lublin, wo unter sowjetischer Aufsicht eine polnische kommunistische Regierung geschaffen wurde. Dort verbrachten sie, zunächst mittel- und obdachlos, mehrere Monate und verpflichteten sich beim gerade gegründeten polnischen Ministerium für Öffentliche Sicherheit, wo sie zu Anfang bei der Postzensur Verwendung fanden. Zu ihren ersten Dienstreisen wurden beide ins gerade eroberte Schlesien geschickt. All das musste Marcelis ältere Schwester Gerda nicht wissen: Ihr wird genügt haben, dass ihr Bruder ihr (und einem Herrn Bernard Bennet) Grüße ausrichtet. Ich grüße – will sagen: Ich lebe noch. Allerdings hat dieses Lebenszeichen über den Äther die Schwester vermutlich nicht erreicht. Denn vom 26. Mai 1945 ist ein Telegramm überliefert, das Marceli Reich aus Warschau ebenfalls an seine Schwester richtet und mit den Worten beginnt: „I am alive“ (Ich bin am Leben). Erst jetzt kommt eine Korrespondenz per Telegramm zustande.

          Was früher der Fernschreiber war, ist heute das Internet. Im vergangenen Monat haben die Arolsen Archives in Partnerschaft mit der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem einen großen Teil ihrer Bestände online gestellt (https://collections.arolsen-archives.org). Die Datenbank enthält unter anderem Dokumente aus Konzentrationslagern, darunter Häftlingskarten und Todesmeldungen. Jetzt sind mehr als dreizehn Millionen Dokumente mit Informationen zu mehr als 2,2 Millionen Menschen auch aus der Ferne zu lesen, zum Beispiel von Menschen in Lublin oder London. Weitere Bestände sollen folgen.

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