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NS-Ausstellung in Berlin : Hitler, menschlich gehäkelt

Werbeplakat während der NS-Diktatur Bild: dapd

Die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum zeigt, wie aus einer Zivilgesellschaft unter Hitler ein Kampfvolk wurde. Um dies zu belegen, wurden auch sehr bizarre Attraktionen zusammengetragen.

          4 Min.

          Im Frühjahr 1935 stickten die Mitglieder der Evangelischen Frauenhilfe und der NS-Frauenschaft der Stadt Rotenburg an der Fulda einen Wandbehang für die spätgotische Pfarrkirche Sankt Jakobi. Das Motto des Projekts hatte der Kreiskulturwart der NSDAP formuliert: „Die Kirche gab den Anlass; die Frauenschaft den Sinn; wir tragen das Hakenkreuz in unsre Kirche.“ Auf dem buntfarbigen Stoff bilden die aufmarschierten Kolonnen der SA, der Hitlerjugend, des Bundes Deutscher Mädel und die versammelten Gemeindefrauen ein Kreuz, in dessen Mittelpunkt die dreifach beflaggte Kirche steht. An ihrem Turm hängt die weiß-blaue Kirchenfahne zwischen der Reichs- und der Hakenkreuzfahne. Am 1. Mai 1935, dem „Tag der Arbeit“, wurde der Wandbehang feierlich angebracht. Fast zehn Jahre lang hing er vor einer Seitentür neben der Kanzel, bis der Einmarsch der Amerikaner im April 1945 seiner weiteren liturgischen Verwendung ein Ende setzte.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der acht Quadratmeter große Wandstoff, den der in Rotenburg aufgewachsene Historiker Hans-Ulrich Thamer im Kreismuseum seiner Heimatstadt entdeckte, bildet eine der bizarrsten Attraktionen der Ausstellung „Hitler und die Deutschen“, mit der das Deutsche Historische Museum in Berlin den Zusammenhang von „Volksgemeinschaft und Verbrechen“ darstellen will. Zugleich ist er das überzeugendste Beweisstück der Kuratoren für die stufenweise „Selbstgleichschaltung“ der Deutschen.

          Bei der Nazifizierung der Jakobikirche arbeiteten Pfarrei und Parteiapparat ebenso Hand in Hand wie später Zivil- und Militärverwaltung bei der Deportation und Vernichtung der europäischen Juden. Die „Volksgemeinschaft“ diente in diesem Prozess der fortschreitenden gesellschaftlichen Vernetzung als bequeme Allzweckparole, unter der sich Hilfswerke, Freizeitvergnügen, Konzerngründungen, militärische Übungen und später die Ausplünderung ganzer Völker gleichermaßen subsumieren ließen.

          Ein gelber Stoff mit aufgedruckten Judensternen

          Vorkriegszeit im Fokus

          Scharfkantig, ja tödlich wurde der Begriff dagegen, wo er als Ausschlusskriterium funktionierte. Ein Fotoalbum aus den Tagen der „nationalen Erhebung“ in Heilbronn dokumentiert das Umkippen der Zivil- in die Kampfgesellschaft: Ein SPD-Stadtrat wird verhaftet, als er das Rathaus betreten will, dann dürfen die „Volksgenossen“ ihr Mütchen an ihm kühlen, anschließend schleppt die Polizei den Misshandelten auf die Wache. Eine andere Bilderserie, erschienen im „Bayerischen Heimgarten“, zeigt das Konzentrationslager Dachau als Stätte verschärfter Ertüchtigung mit singenden Häftlingskolonnen und guter Küche. Die Volksgemeinschaft war von Anfang an auch ein Kollektiv der Lauscher und Gaffer, das sich vor zertrümmerten Schaufenstern versammelte und am Volksempfänger den Wiederaufstieg des Reiches verfolgte.

          Auf der vorbereitenden Historikertagung des DHM im vergangenen Jahr (F.A.Z. vom 2. Dezember 2009), deren Beiträge jetzt im Aufsatzteil des Katalogs versammelt sind, bildete der von vielen Zeitzeugen nostalgisch beschworene Gemeinschaftsgeist der Vorkriegszeit des „Dritten Reiches“ den blinden Fleck der Diskussion. Die Ausstellung kann diese Theorielücke nicht wirklich schließen, aber sie überdeckt sie mit allerlei Anschauungsmaterial. Der Nationalsozialismus, der als Regierungsform das reinste administrative Chaos anrichtete (Hans Mommsen), war als Inspirationsquelle der Unterhaltungs- und Modeindustrie ein Erfolgsmodell. Es gab Kriegsquartette, rassistische Stockpuppen vom „Reichsinstitut für Puppenspiel“, Strategiespiele für den Bombenkrieg gegen England, Hitler-Büchlein (“Der Führer macht Geschichte“) und Schellackplatten mit SA-Liedern für den Hausgebrauch.

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