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Väter und ihr Nachwuchs : Gutes Kind

Erst mit einem Kind am Bein hört der Mann auf, ein schlechter Darsteller in einer hässlichen Welt zu sein. Bild: Picture-Alliance

Die Bundesfamilienministerin bezeichnet es als „etwas Gutes“, wenn sich Väter um ihre Kinder kümmern wollen. Das ist ein etwas schwacher Ausdruck für die Naturgewalt, die das beste ist, was einem Mann passieren kann.

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          Etwas Gutes! Menschenskinder, das ist doch etwas Gutes! Etwas Gutes? Welch fade, normative Begrifflichkeit, um den superlativen Rang eines Kindes, seine irre schöne Drastik, seinen Hauptgewinn-Charakter für den Erzeuger in Worte zu fassen. Hätte die Bundesfamilienministerin da nicht etwas mehr Wucht in ihre Rede legen können, die Wucht einer Naturgewalt meinetwegen? Hätte sie statt „etwas Gutes“ nicht sagen können, in herrlich unterkomplexer Manier: Das beste, was einem Mann passieren kann, ist ein Kind, mit dem er Dinge unternehmen kann (dabei sich den zufälligen Beobachtungen von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem hingebend, nach dem kindlichen serendipity-Prinzip, alles Wichtigtuerische, Rollenbewusste, Spurverhaftete hinter sich lassend, in erlösender disruption).

          Oder hätte sie, die Familienministerin, es nicht auch so ausdrücken können: Erst mit einem Kind am Bein hört der Mann auf, ein schlechter Darsteller in einer hässlichen Welt zu sein. Oder so: Männer, wollt ihr ewig posen? Kapiert es doch, besser spät als nie: Im Kind liegt die Kraft! Stattdessen (getrieben von der allgegenwärtigen, kleinlichen Sorge, keine fake news in die Welt zu setzen) entscheidet sich die Familienministerin für die statistische, die evidenzbasierte Herangehensweise und leitet ihre geplante Novellierung des Familienrechts mit „immer häufiger“ ein (auch „immer mehr“ wäre gegangen): „Immer häufiger wollen sich nach der Trennung beide Elternteile weiter um das Kind kümmern. Das heißt, auch die Väter wollen weiter die Erziehungsverantwortung tragen.“ Und jetzt eben kommt’s, der Überschritt in die kantianische Dürre: „Und das ist etwas Gutes“ (vermutlich noch nicht einmal mit Ausrufezeichen!).

          Ach, Frau Ministerin! Hier geht es nicht um gut oder schlecht, hier geht es um alles oder nichts. Und zwar eben nicht nur fürs Kind, das bedürftige, um das es sich auch väterlicherseits zu „kümmern“ gilt, für das „Verantwortung“ zu übernehmen ist. Sondern in allerbedürftigster erster Linie für den Vater selbst! Wenn er nicht dumm werden will, sich nicht konsumieren lassen möchte von den Routinen, die er bewirtschaftet, einer stupenden Einfalt verhaftet, und sei’s im höchsten Grad der Komplexität – dann braucht er sich nur auf sein Kind zu richten, beileibe nicht als Kümmerer, nicht als Verantwortungsträger, sondern als Bittsteller: Bitte, bitte, mein Kind, zeige mir, dass es noch andere Logiken gibt als jene, in denen ich Halt finde – falsche Logiken, weil sie mich festsetzen im Handhabbaren, im immer schon Gewussten, in den Funktionen des Wenn-dann: Wenn Ereignis A eintritt, dann erledige ich es im Format A’. Kein Widerfahrnis, nirgends; bloß ein Abspulen im Gesicherten. Das, mein Kind, ist doch nichts Gutes!

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