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Norwegen nach dem Attentat : Den Anschlag verstehen lernen

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Die angesehene norwegische Wochenzeitung „Morgenbladet” machte nach dem Anschlag mit einem Scherbenmotiv und einer Flagge auf halbmast auf Bild: dapd

Ein Land tastet sich an seine Extremisten heran: Nach dem Attentat von Oslo sucht Norwegen nach Deutungsversuchen. Gleichzeitig entflammt eine Debatte zur Meinungsfreiheit.

          Es war kaum auszuhalten, als sie dieses Bild zeigten: diesen zufriedenen, befriedigten, von Tat und Aufmerksamkeit wie berauschten Mann hinter dem Autofenster. Denn genau darum ging es ja - im MTV-Zeitalter hätten wir gesagt: um 15 minutes of fame. Selbst das „Manifest“, das der Massenmörder von Utøya vor seinem Angriff wie ein Pressepaket im toten Briefkasten Internet hinterlegte, erweist sich bei näherer Betrachtung als Pose und pseudointellektuelles Gehabe: „Breivik möchte als Denker erscheinen“, schrieb der Philosoph Lars Fredrik Händler Svendsen in „Aftenposten“. Das vorgebliche „Manifest“ sei aber keines. Es bestehe nur aus „Posen, Einfällen und Ausfällen“, aus fremden, im Grunde unreflektierten und unverstandenen Zitaten unterschiedlicher Herkunft: „Breivik hat keine Philosophie, nur einige stockreaktionäre Rückenmarksreflexe.“

          Breivik ist, mit anderen Worten, ein Plagiator - auch wenn es schmerzt, einen hassgetriebenen Terroristen, der Al Qaida bewundert und sich doch als Antiislamist inszeniert wissen möchte, in einem Atemzug mit den Hegemanns und Guttenbergs dieser Welt zu nennen. Anderthalbtausend Seiten Manifest? Im Google-Zeitalter ist das keine Leistung.

          Die ganze Bandbreite der Deutungsversuche

          Trotzdem muss man fragen, wie Breivik, der Mann aus der Mitte, derart entgleisen konnte. Die angesehene norwegische Wochenzeitung „Morgenbladet“ macht in ihrer ersten Ausgabe nach dem Anschlag auf die skandinavische Identität mit einem Scherbenmotiv und einer Flagge auf halbmast auf. Sie spricht von einer „Invasion aus dem Inneren“ und müht sich, die ganze Bandbreite der ersten Deutungsversuche und Fragen zu versammeln, ob das nun Artikel sind, die Breivik mit dem Hitler der zwanziger Jahre vergleichen, oder andere, die einer Anregung des Schriftstellers Ketil Bjørnstad folgen, sich abermals mit den Auswirkungen einer auf Gewalt fixierten Populärkultur zu befassen.

          Und doch treten einige Beiträge aus dem Rahmen dessen hervor, was zu erwarten stand. Das gilt vor allem für den provokanten Essay von Cornelius Jakhelln. Der derzeit in Berlin lebende Autor und Philosophiedoktorand hatte es vor Jahren mit der avantgardistischen Trash-Metal-Band „Sturmgeist“ zu Bekanntheit gebracht - auch, weil sich ein Amokläufer auf ihn bezog, der 2007 eine Schule im finnischen Jokela überfiel. Nun sucht Jakhelln für „Morgenbladet“ nach dem „Terrorvirus“, weil er fürchtet, „das wirkliche Problem“ könne „wieder einmal unter den Teppich gekehrt“ werden. Der Text trägt den Titel: „Ehre und Demokratie. Falls es dich gibt, tickende Bombe: Ich nehme deine Raserei ernst.“

          Eine fehlende Subkultur

          Das wirkliche Problem besteht für Jakhelln darin, dass in just jenem mantrahaft beschworenen „neuen Norwegen“ für Leute wie ihn kein Platz sei. Die norwegische Gesellschaft setze zwar auf Vielfalt, dies aber in fast schon wieder gleichgeschalteter Art und Weise. Abweichler seien nicht vorgesehen. Gegen sie habe sich Norwegen wie durch einen Panzer geschützt. Dabei wollten die „Männer von Eidsvoll“, als sie Norwegen 1814 eine demokratische Verfassung gaben, doch wirkliche Meinungsfreiheit - das Zusammenspiel von Freiheit und Verantwortung. Mit dem Glauben an diesen Kern der Demokratie sei es heute nicht weit her. Auch nach dem Anschlag nicht: „Anstelle mehr Demokratie zu praktizieren, wie es der Ministerpräsident formulierte, wollen die Medien und die Experten eine Diskussion verhindern. Dass sie sich pädagogisch verhalten, macht mich rasend. Als ob wir uns keine eigene Meinung bilden könnten. Als ob wir nicht in der Lage wären, selbständig zu denken.“

          Die „tickenden Bomben“ im Land, schreibt Jakhelln, fühlten sich „in Jens Stoltenbergs Demokratie offenbar seit langem marginalisiert“. Im „neuen Norwegen“ gebe es keine Subkultur, um diese jungen Männer aufzufangen, jedenfalls keine, die so attraktiv sei wie die militante Religion, wie Dschihad und Anti-Dschihad. Der Terror, den die Welt seit einem Jahrzehnt erlebe, ist für ihn der von Hans Magnus Enzensberger beschriebene Terror „radikaler Verlierer“ - ein Fall gleichermaßen für Psychiater wie für die Gesellschaften, die die Paranoia hervorbringen.

          Das alte Norwegen kommt nicht zurück

          Die Publizistin Nina Witoszek, Autorin des Streitschrift „Das beste Land der Welt“, spricht ebenfalls im „Morgenbladet“ davon, nach dieser Katastrophe müsse „Schluss mit der politischen Korrektheit“ und Platz für ein Gespräch mit allen Terroristen in spe sein. Und Hans Rustad, der Herausgeber des Internet-Forums „Document.no“, in dem auch Breivik schrieb und las, zieht eine Linie zu der in Dänemark mit dem Karikaturenstreit aufgeworfenen Debatte um die Meinungsfreiheit: „Dänemark hat den einzigen möglichen Weg gezeigt: offene Debatte.“

          Da freilich müssten wohl auch jene selbstgerechten und intoleranten Parallelgesellschaften mitziehen, die der Sozialanthropologe Thomas Hylland Eriksen in „Dagsavisen“ als „Gettos im Internet“ beschrieb. Ob das klappt? Die Chance ist da. Mit dem Romancier Jan Kjærstad gesprochen, der sich in „Aftenposten“ Gedanken über das „alte“ und das „neue“ Norwegen machte: „Wir sollten anno 2011 ein demokratisches Norwegen schaffen, mit allen komplexen Herausforderungen, die das mit sich bringt - nicht zuletzt dadurch, dass die Wirklichkeit nun auch das Internet und die Sozialen Medien umfasst. Der Terrorist wollte das junge, debattierende, bunte, neue Norwegen treffen. Wir müssen dafür sorgen, dass das Ergebnis das Gegenteil ist.“ Das alte Norwegen, die „idyllische und homogene Gesellschaft“ seiner Kindheit, komme ohnehin nicht zurück.

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