https://www.faz.net/-gqz-8951n

Normative Größe : Di Fabios Fabel

Udo di Fabio Bild: Daniel Pilar

Nur ja kein Schwanken beim Festklopfen des Wertefundaments! Udo Di Fabio beschwört den Westen. Doch was der frühere Verfassungsrichter als normative Größe aus dem Hut zaubert, ist eigentümlich konturlos.

          Natürlich stockt einem der Atem, wenn ausgerechnet mit Berufung auf die Systemtheorie das eine Fundament, die eine Substanz, das eine soziokulturelle Band unseres Wertesystems beschworen wird, welches – ja, was eigentlich? – zu retten sei. So legt es mit Berufung auf seinen „Lehrmeister“ Niklas Luhmann der frühere Verfassungsrichter Udo Di Fabio in seinen Büchern und Vorträgen dar.

          Dass hier nicht Luhmanns ausdifferenziertes Rationalitätsmodell, sondern der Wunsch der Vater des staats- und gesellschaftspolitischen Gedankens ist, wurde auch beim Buchmessenempfang des Beck Verlags wieder deutlich, bei dem Di Fabio den Westen beschwor, beim Festklopfen (horribile dictu: Neuerfinden) seines Wertefundaments nur ja kein Schwanken zuzulassen. Frei nach der kryptokonstruktivistischen Devise: Man erfinde und tue beim Erfinden doch munter so, als finde man.

          Di Fabios Dezisionismus verlangt nach der großen Erzählung, die das stiften soll, was im Unvordenklichen als Normativität bereitliegt. Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen? Die Haltlosigkeit einer Wertetheorie als letztem Anker des Gemeinwesens ist rechtsphilosophisch vielfach dargestellt worden, und das, was bei di Fabios Werteimperativ ins Auge sticht, ist denn auch ein seltsamer Mangel an juristischer Denkungsart, wenn es ans Eingemachte geht.

          Wenn etwa „so was wie Familie“ (Di Fabio) als Substanz der offenen Gesellschaft gestiftet werden soll, will man doch lieber stiften gehen. Denn was der Familientheoretiker da als normative Größe aus dem Hut zaubert – „so was wie Familie“ –, ist eigentümlich konturlos, umfasst im Grunde jede Form der Vergemeinschaftung im Nahbereich und taugt jedenfalls nicht als regulative Idee, auf die man sich im politischen Streit berufen könnte. So ist es auch mit den übrigen Versatzstücken von Di Fabios Fabel: Eine bombastische Rhetorik der Normativität hält, kommt es zum Schwur, nicht im mindesten, was sie verspricht. Wieder eine große Erzählung, die sich im Kleingedruckten erledigt.

          Weitere Themen

          Wettstreit der Romantiker

          Ausstellungen in Paris : Wettstreit der Romantiker

          Victor Hugo, Notre-Dame und die Folgen: Zwei Pariser Ausstellungen im Petit Palais beschäftigen sich mit einer Zeit, die ihre Liebe für „ihr“ Retro entdeckte und auch vielfältig auslebte.

          Russischer Ort streitet über Stalin-Statue Video-Seite öffnen

          Aufstellen oder nicht? : Russischer Ort streitet über Stalin-Statue

          Seitdem in der russischen Ortschaft Kusa eine alte Stalin-Statue in einem Teich entdeckt wurde, spaltet sie das Städtchen. Soll sie am alten Ort wieder aufgestellt werden, wie das der kommunistische Aktivist Stanislaw Stafejew fordert? Oder sollte sie lieber ins Museum?

          Topmeldungen

          Donald Trump am 12. Juli in Milwaukee

          Provokation auf Twitter : Trumps Spiel mit dem Feuer

          Auf Twitter beleidigt Amerikas Präsident vier Parlamentarierinnen rassistisch. Mit der Provokation will er Konflikte unter den Demokraten schüren – und scheitert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.