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Andreas Rossmann (aro.)

Kulturpolitik in NRW : Schadensklug

„Shadows“ von Andy Warhol in Paris: Die Versteigerung seiner Werke ist nur ein Beispiel für die verfehlte Kulturpolitik in NRW. Bild: dpa

Nordrhein-Westfalen hat durch seinen verstörenden Umgang mit Kunst im öffentlichen Besitz einen kulturpolitischen Flurschaden angerichtet. Ist die Politik daraus klug geworden?

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          Erst war da die Versteigerung von zwei Werken von Andy Warhol durch den Casinobetreiber Westspiel, eine Tochter der landeseigenen NRW-Bank, in New York. Dann kam das Gewürge und Geschacher um die Kunstsammlung der Portigon AG, der Nachfolgerin der Landesbank West LB, die schließlich, nachdem die Stradivari „Lady Inchiquin“ dem Geiger Frank Peter Zimmermann schon weggenommen worden war, für knapp dreißig Millionen Euro erworben und in die unselbständige Stiftung „Kunst im Landesbesitz“ überführt wurde. Zuletzt die Nachahmungstat des WDR, der die besten Stücke seines Kunstbestands auf den Auktionsmarkt schleuderte und nicht einmal annähernd das erwartete Ergebnis erzielte:

          Die Verluste, Versäumnisse und Verstörungen im Umgang mit Kunst im öffentlichen Besitz in Nordrhein-Westfalen sind so spektakulär wie peinlich, und sie haben einen kulturpolitischen Flurschaden angerichtet, aus dem klug zu werden, sich die Politik erst nach heftigen Protesten, gerade auch der Museumsdirektoren, bereitfand.

          Ein Katalog von Selbstverständlichkeiten

          Der runde Tisch, nach dem schon früh gerufen wurde, ist nur schwer in die Gänge gekommen, inzwischen hat er dreimal getagt, die Stiftung hat ihre Arbeit aufgenommen, und der „kulturfachliche Beirat“ hat einen „Kodex zum Umgang mit Kunst im Landesbesitz“ erarbeitet, den Marion Ackermann, die Direktorin der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf, gestern im Kulturausschuss des Landtags vorgestellt und erläutert hat. Der Entwurf für eine Selbstverpflichtung, der sechs Punkte und zwei Seiten umfasst, stellt fest, dass Kulturgüter zu schützen und für die nächsten Generationen zu erhalten sind, und hält es für geboten, dass Unternehmen sie inventarisieren, Provenienzen und Echtheit erkunden und diese dokumentieren.

          Und er fordert dazu auf, sie der Öffentlichkeit zugänglich sowie für die Forschung und für Ausstellungen verfügbar zu machen. Die Unternehmen, so heißt es weiter, sollten Statuten formulieren, in denen Absicht, Umgang und Dauerhaftigkeit von Erwerbungen dargestellt werden, sich fachlich beraten lassen und, wenn sie sich von Werken oder Sammlungskonvoluten trennen wollen, die breite Fachöffentlichkeit einbeziehen, Erträge in die Kulturförderung stecken sowie einem Verbleib in Museen in NRW Priorität einräumen. Ein Katalog von, so möchte man meinen, Selbstverständlichkeiten und frommen Wünschen, mit dem, wenn er angenommen wird und Verbindlichkeit gewinnt, Nordrhein-Westfalen, wie es heißt, eine Vorreiterrolle übernehmen würde. Der Schatten des kulturpolitischen Scherbenhaufens, der angerichtet wurde, wird das Land dabei noch eine Weile begleiten.

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

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