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Der Herbst 1989 : Wie aus der DDR fast ein westliches Nordkorea geworden wäre

  • -Aktualisiert am

Stiller Protest in der Wendezeit: Menschenkette auf der Fernverkehrsstraße 6 zwischen Dresden und Bautzen am 3. Dezember 1989. Bild: Picture-Alliance

Steinzeit ante portas? Es hätte nicht viel gefehlt, und Ostdeutschland sähe heute ganz anders aus. Erinnerungen an den Herbst 1989. Ein Gastbeitrag über das Ausbleiben einer Alternative.

          7 Min.

          Der Ereignisse im Herbst 1989 in der DDR wird auch angesichts des dreißigsten Jahrestags als Präludium zur deutschen Wiedervereinigung und zum Ende des Kalten Krieges gedacht. Solche, analog zur Theologie gewissermaßen „nachösterliche“ Perspektiven können die Einsicht in die Tatsache verstellen, dass die Ereignisse dieses Herbstes, das Heraustreten vieler DDR-Bürger aus der Angst und aus den Routinen des murrenden Ertragens, die Konfrontation der Lügner und Wahlbetrüger letztlich die Flucht nach vorn aus einer Enge war, die im Sommer und noch im Herbst 1989 zeitweise drohte unentrinnbar zu werden und dazu noch unerträglicher, als sie es jemals war.

          Ich erlebte diese Zeit als Abiturient des Jahrgangs 1989/90 an der „Sorbischen Erweiterten Oberschule Herman Matern“ in meiner Heimatstadt Bautzen. Als im September das Schuljahr begann, waren die Aussichten sehr düster. Das Land lebte von Westkrediten, neben den Potemkischen Dörfern mehrte sich vor allem die Zahl der Ruinen in den historischen Innenstädten, an denen die verordnete Rede vom historischen Fortschritt und von einer Produktion auf „Weltniveau“ ihr Memento mori fand. Aus den Dachrinnen vieler Häuser wuchsen Birken beträchtlicher Größe. Wer hier wohnte, stellte Eimer auf den Dachboden, um Regenwasser abzufangen. Der beliebte Spruch „Ruinen schaffen ohne Waffen“ spiegelte den dominierenden Eindruck auf den täglichen Wegen durch die Städte. In den Plattenbauten gab es Fernheizung und warmes Wasser aus der Leitung sowie Toiletten mit Wasserspülung, die im entsprechend riechenden Altbau noch keinesfalls selbstverständlich waren. Aber den bautechnisch Kundigen konnte nicht verborgen bleiben, dass die Neubauten ohne baldige aufwändige Wartung und Sanierung nicht ewig halten würden.

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