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Nofretete-Ausstellung in Berlin : Auge in Auge mit der Pharaonin

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Die Grenze des Grotesken streifend

Eigentlich tragen alle Statuen und Büsten, die Ludwig Borchardt am 6. Dezember 1912 in der mutmaßlichen Werkstatt des Hofbildhauers Thutmosis in Achetaton entdeckte, solche Anzeichen: Wie immer rührt die zerbrechliche Schönheit der Prinzessinnen mit ihren sonderbar lang-runden Hinterköpfen, die dennoch nicht wie ein körperlicher Makel, sondern als exzentrischer Reiz wirken. Wie immer bannt das winzige, vor Energie vibrierende und noch im Alter bestechend schöne Gesicht der Teje, der Mutter des Echnaton. Und wie immer steht man fassungslos vor den gipsernen Gesichtsmasken, aus denen uns Antlitze von einer derart verblüffenden Individualität anschauen, dass die 3360 Jahre, die uns von diesen Adligen, Höflingen oder Bürgern Achetatons trennen, zum Nichts zu schrumpfen scheinen.

Das alles aber steht in Berlin seit Jahrzehnten zur Verfügung. Es wäre zu wenig, um eine spektakuläre Ausstellung zu füllen. Zwei Schritte hinter dem mächtigen, sanft gelb glühenden Sonnenkeil, der das Motto „Im Licht von Amarna“ symbolisiert, sieht man, dass auch Unvertrautes geboten wird: Da ist zum Beispiel eine der Gründungsstelen, die Echnaton und Nofretete an den Rändern jener Hauptstadt, die sie in einer Wüstenebene am Ufer des Nil zu bauen beschlossen, in den Fels meißeln ließen. Überwältigend riesig ragt sie auf, bekrönt von einem Relief des Königspaars, das noch jenen expressiven, die Grenze des Grotesken streifenden Stil zeigt, der die Anfangsphase der neuen Kunst prägte: bizarr aufgedunsene Oberschenkel und Bäuche, lächerlich dünne Wespentaillen, negroide Lippen, spindeldünne Fesseln.

Flankiert wird das von Hieroglyphen übersäte Gebilde von zwei Doppelstatuen, die gleichfalls Echnaton und Nofretete wiedergeben. Die Originale in Amarna sind längst verstümmelt, andere verschollen. Doch die in den zwanziger Jahren angefertigten Abgüsse genügen, um ahnen zu lassen, was es bedeutet haben muss, wenn Untertanen und Staatsgäste, ehe sie die Stadtgrenze überschritten, schon Auge in Auge den strengen Majestäten gegenüberstanden, die dort inmitten von Aton-Tempeln und Palästen regierten.

Achetatons meisterhafte Bildhauer

Majestätisch im höchsten, einschüchternden Sinne (so wie die gigantischen, infolge des Lichtkults dachlosen Aton-Tempel, deren größten in Berlin ein Modell zeigt) muss dieses „Hohe Paar“ gewesen sein. Denn neben den populären, bezaubernd lieblichen und intimen Darstellungen der beiden und der Ihren finden sich andere, die Gestalt werden lassen, was der Katalog als Allmacht einer „Heiligen Trias“ bezeichnet, die Echnaton an die Stelle der alten Götter setzte: zuoberst Aton, der alles erschaffende gesichtslose Lichtgott, als dessen Stellvertreter und einziger Vermittler auf Erden Pharao Echnaton gottgleich regierte, unterstützt von seiner gottgleichen Gattin, die lebender Inbegriff der Fruchtbarkeit war.

Von dieser einzigartigen Machtstellung kündet ein Porträtkopf Nofretetes aus grauem Granit, unnahbar, herrisch, herb. Er, seit den zwanziger Jahren als Einzelstück in Berlin, war, wie Nachgrabungen in den neunziger Jahren ergaben, Teil einer kolossalen Sitzgruppe, die Echnaton und die Königin gleich groß Seite an Seite thronend wiedergab. Es muss viele solche bezwingenden Kolossalstatuen aus „ewigem“ unantastbarem Granit gegeben haben, das bezeugen Fragmente, die gleichfalls in den Neunzigern und noch bei jüngsten Grabungen in den Tempeln Achetatons gefunden wurden. Einige dieser Torsi sind in Berlin zu sehen, nebst Hunderten Bruchstücken hinreißenden Kunsthandwerks: Majoliken und Einlegearbeiten in schimmerndem Türkis, Sonnengelb und dem berühmten „Amarnablau“, das so durchscheinend und verletzlich wirkt wie der (ausgestorbene) „Blaue Lotos“, die Wappenblume Altägyptens.

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