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Nobelpreis-Reaktionen : Türkei und Armenien freuen sich gemeinsam

  • Aktualisiert am

Reich-Ranicki: „Habe soviel anderes zu lesen” Bild: ddp

In Armenien ist die Vergabe des Literaturnobelpreises an Pamuk mit Genugtuung aufgenommen worden. Auch türkische Verbände in Deutschland zeigen sich erfreut: Reaktionen auf Pamuks Ehrung.

          5 Min.

          Marcel Reich-Ranicki, Deutschlands bekanntester Literaturkritiker, hat freimütig zugegeben, das Werk des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk nicht zu kennen. „Ich kann mich nicht äußern, ich habe ihn nie gelesen“, sagte der 86jährige am Donnerstag. „Türkische Literatur hat mich nie interessiert. Ich muß nicht alle Literaturen dieser Welt lesen.“ Auch die Verleihung des Nobelpreises sei für ihn kein Ansporn, sich jetzt Pamuks Bücher vorzunehmen: „Ich habe soviel anderes zu lesen.“

          Der letztjährige Träger des Literaturnobelpreises, Harold Pinter, ist mit der Wahl seines Nachfolgers äußerst zufrieden: „Es hätte niemand besseren treffen können, er ist ein wunderbarer Schriftsteller“, sagte Pinter in London. „Ich hatte im letzten Jahr darauf getippt, daß er den Preis bekommt, aber da kam jemand dazwischen...“, fügte der 76jährige hinzu.

          Der kurdischstämmige türkische Schriftsteller Yasar Kemal hat die Leidenschaft und die Standhaftigkeit seines Kollegen Orhan Pamuk gelobt. „Ich vertraue darauf, daß er neue Romane mit der bisher gezeigten Leidenschaft schreiben wird“, sagte Kemal, der wie Pamuk Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels ist. Er habe keinen Zweifel, daß Pamuk auch in Zukunft zu dem stehen werde, woran er glaube, sagte Kemal. „Ich habe mich sehr gefreut, daß du (Pamuk) diesen verdienten Preis erhalten hast“, gratulierte der Schriftsteller.

          Neuer Pamuk-Roman schon im November

          Der deutsche Verlag des diesjährigen Literatur-Nobelpreisträgers hat sich begeistert über die Auszeichnung des Schriftstellers gezeigt. „Das ist natürlich toll, wir feiern“, sagte Regina Fleer vom Hanser Verlag in München, der sechs Werke des türkischen Autors in Deutschland vertreibt. „Wir freuen uns riesig.“ Der Verlag hat den Erscheinungstermin für Pamuks neuen Roman „Istanbul“ vorgezogen. Statt im Februar kommenden Jahres soll das rund 430seitige Werk bereits am 18. November in den Handel kommen, wie der Verlag am Donnerstag mitteilte. Geplant sei eine Startauflage von 40.000 Exemplaren. Zugleich kündigte er für Ende kommender Woche eine Nachauflage von Pamuks derzeit erfolgreichstem Roman „Schnee“ an. Das Buch ist demnach bislang rund 80.000 mal verkauft worden.

          Der Präsident der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck, hat Pamuk als mutigen Autor gewürdigt. Pamuk erspare seinen Landsleuten unbequeme historische Erinnerungen nicht, mahne aber genauso energisch die Westeuropäer zu einem offenen Dialog mit den Türken, erklärte Staeck. „Pamuk hat uns vor einem Jahr in seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels ins Gewissen geredet, daß deutsche Politiker es sich zu leicht machten, wenn sie zu Wahlkampfzwecken antitürkische Ressentiments schürten und den Respekt vor der türkischen Kultur vermissen ließen“, sagte Staeck. „Mit Pamuk erhält ein Autor den Nobelpreis, dem der Gedanke einer europäischen Friedenspolitik, die auch die Türkei einschließt, wichtiges Anliegen seiner schriftstellerischen Arbeit ist. Mit ihm wird ein Garant des Anti-Nationalismus geehrt.“

          „Grenzgänger und Brückenbauer“

          Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) hat die Verleihung des Literaturnobelpreises an Pamuk als „ein Signal für die Freiheit der Kunst und des Wortes“ begrüßt. Mit Pamuk werde ein Künstler geehrt, der für diese Freiheit stets unerschrocken eingetreten sei. „Orhan Pamuk ist Grenzgänger und Brückenbauer zugleich. Er hat mit seinem Werk viel zum gegenseitigen Verständnis der Kulturen beigetragen.“ Scheinbar mühelos schlage er den Bogen zwischen Orient und Okzident, zwischen Christentum und Islam. „Als Wanderer zwischen den Welten gelingt es ihm meisterlich, christlich wie islamisch geprägte Geschichte und Geschichten lebendig zu halten“, betonte Neumann.

          Auch der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, Ruprecht Polenz (CDU), äußerte sich erfreut über die Preisverleihung an Pamuk. Die Auszeichnung gelte einem Autor, der wie wenige andere Brücken des Verständnisses zwischen den Kulturen baue. Es sei zu hoffen, daß die Verleihung des Literaturnobelpreises an Pamuk „auch die Kreise in der Türkei zum Nachdenken bringt, die ihn bisher wegen angeblicher, Herabwürdigung des Türkentums angefeindet und auch bedroht haben“.

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