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Nobelpreis : Futsch ist futsch

Wenn die Bosse der amerikanischen Autoindustrie für einen Dollar arbeiten wollen, müssen sich vielleicht auch Nobelpreisträger künftig bescheiden. Denn Alfred Nobels Nachlassverwalter haben sich verspekuliert und in der Finanzkrise Geld verloren.

          Wenn die Bosse der amerikanischen Autoindustrie für einen Dollar arbeiten wollen, müssen sich vielleicht auch Nobelpreisträger künftig bescheiden. Denn Alfred Nobels Nachlassverwalter haben sich verspekuliert und in der Finanzkrise Geld verloren. Ganz so viel wie in Harvard, wo acht Milliarden vom Stiftungskapital versenkt wurden, oder wie in der Ukraine, wo aus Kostengründen die anstehenden Neuwahlen gestrichen werden sollen, dürfte in der Stockholmer Kasse zwar nicht fehlen, aber futsch ist futsch, wie Ökonomen von Weltrang soeben herausgefunden haben.

          Wer von Geld nicht ganz so viel versteht, sollte sich an nüchterne Zahlen halten: Fünfzig Millionen schwedische Kronen, knapp fünf Millionen Euro, muss die Nobelstiftung alljährlich allein für das Preisgeld aufbringen, Getränke und das Geld fürs Frackreinigen nicht eingerechnet. Diese Summe ist aus dem Stiftungskapital zu erwirtschaften, das für 2008 mit umgerechnet etwa 150 Millionen Euro angegeben wird. Eine Verzinsung von weniger als vier Prozent hätte also ausgereicht. Aber die Stiftung ist wie der Rest der Welt, sie wollte mehr. Dabei hatte Alfred Nobel, ein Mann klarer Worte, in seinem Testament bestimmt, dass sein Vermögen ausschließlich in „sicheren Wertpapieren“ angelegt werden sollte.

          Hedgefonds und andere Groschengräber

          Mit dem fadenscheinigen Bankerargument, die Welt habe sich nun einmal geändert, wurde des Stifters Letzter Wille nach und nach ausgehöhlt. Zuletzt hat die Stiftung sich im Jahr 2004 selbst ermächtigt, auch in Hedgefonds und andere Groschengräber zu investieren. Die Verluste dürften erheblich sein. Jetzt wird in Schweden gerätselt, wie viel Geld die Preisträger des Jahres 2009 wohl erhalten werden - wenn es denn überhaupt zur Preisverleihung kommt. Wird kein Geld erwirtschaftet, darf im Prinzip auch nichts ausgeschüttet werden. Es wäre übrigens nicht das erste Mal, dass der güldene Nobelpreisgürtel enger geschnallt werden muss. Zwei Weltkriege und die Depression der dreißiger Jahre hatten dafür gesorgt, dass die Preissumme in manchen Jahren um bis zu zwei Drittel sank. Der Tiefpunkt war 1920 erreicht, als sich Knut Hamsun mit lumpigen 134.100 Kronen begnügen musste - das waren, gemessen an der Kaufkraft, gerade noch 28 Prozent der ursprünglichen Summe aus dem Jahr 1901.

          Wie man Horace Engdahl kennt, den gefinkelten Generalsekretär der Akademie und erklärten Gegner der amerikanischen Kultur, dürfte der Plan für den Notfall bereits gefasst sein. Sind die Kassen leer, kann der Literaturnobelpreis des Jahres 2009 endlich in die Vereinigten Staaten gehen. Voraussichtliches Preisgeld: ein Dollar.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

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