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„Nobelpreis für Architektur“ : Mutige Entscheidung für einen Bau-Aktivisten

Außen Beton, innen Glas – um des Klimas willen: Das Innovation Center in Santiago von Alejandro Araven aund Juan Cerda. Bild: AP

Der Pritzker-Preis gilt als der „Nobelpreis für Architektur“. In diesem Jahr geht die wichtige Auszeichnung an den 1967 geborenen Chilenen Alejandro Aravena.

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          Der Pritzker-Preis ist die wichtigste Auszeichnung, die ein Architekt in seinem Leben erhalten kann: Seit der Preis 1979 vom Besitzer der nicht immer für architektonische Feinsinnigkeiten bekannten Hyatt-Hotelkette, Jay A. Pritzker, gestiftet wurde, gilt er als „Nobelpreis für Architektur“, und lange schien klar, dass es sich dabei um Gesamtwerks-Würdigungen für die großen alten weißen Männer des Fachs handelt: Philip Johnson war dreiundsiebzig, als er den Preis bekam, Kenzo Tange vierundsiebzig, Oscar Niemeyer über achtzig. Im vergangenen Jahr ging er, hochverdient, aber leider postum, an den deutschen Ingenieur Frei Otto. Der Altersdurchschnitt der Preisträger lag bei weit über sechzig, und es waren seit 1979 nur zwei Frauen darunter, Zaha Hadid und Kazuyo Sejima. Auch afrikanische Architekten sucht man vergebens.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          So war in diesem Jahr die Frage, ob in einer Zeit, in der viele zentrale Probleme – etwa die, wie man in Zeiten massiver Migrationsströme die Gettobildung in den großen Städten und die Verslumung der Ränder verhindert – Fragen des Bauens und Planens sind, der mit hunderttausend Dollar dotierte Preis nicht an jüngere Architekten vergeben werden muss: als Zeichen der Ermutigung neuer Ansätze. An Architekten, die ihren Beruf nicht ausschließlich als Produktion von signethaften Ikonen, sondern Teil eines sozialen Prozesses auffassen. Die umbauen statt abzureißen und auch in Problemvierteln funktionierende soziale Strukturen erhalten wollen, statt die Probleme mit Sprengstoff und neuem Beton zu lösen.

          Halbe Häuser für hundert Menschen

          Die längst überfälligen Kandidaten für eine solche Idee von Architektur, allen voran die französische Architektin Anne Lacaton, aber auch der 1965 in Burkina Faso geborene deutsche Architekt Diébédo Francis Kéré, gingen wieder leer aus. Auch der 1971 geborene Japaner Sou Fujimoto – sicherlich der konzeptuell und formal spannendste Architekt seiner Generation – wurde es nicht; wäre er von der Jury erwählt worden, hätte man den Preis, nachdem er 2010 an die Japaner Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa, 2013 an Toyo Ito und 2014 an Shigeru Ban ging, auch gleich in Award for Contemporary Japanese Architecture umbenennen können.

          Das Innovation Center von innen: Hier sorgt ein Innenhof für Licht. Bilderstrecke
          Das Innovation Center von innen: Hier sorgt ein Innenhof für Licht. :

          Stattdessen wurde der Preis an Alejandro Aravena vergeben. Das ist eine Überraschung, denn der für seinen Beruf noch junge, 1967 in Chile geborene Architekt hat zwar zahllose Häuser für die Armen seines Landes, aber bisher nur relativ wenige ikonische Häuser gebaut, die es auf die Titel der Architekturmagazine schafften. Ein Bauwerk allerdings wurde zum Inbegriff einer neuen Denkhaltung in der zeitgenössischen Architektur: 2003 erhielt Aravena den Auftrag, Häuser für hundert Menschen im nordchilenischen Iquique zu entwerfen – es gab allerdings nur 7500 Dollar Fördergelder pro Familie. Normalerweise hätte man die in simple Riegel oder kleine Hochhäuser versenkt; Aravena entschied sich jedoch dafür, nur halbe Häuser zu bauen, mit allem, was man schwer selbst errichten kann (Dach, Leitungen, Küche, Bad), und zwischen den Häusern Raum freizulassen, den die Bewohner wahlweise als Terrassen nutzen oder, wenn etwas Geld da war, zumauern und vermieten konnten.

          Von der Baupraxis desillusioniert

          So half die Architektur den Einwohnern, ein zusätzliches Einkommen zu generieren. Das ästhetisch überzeugende Bauwerk war ein auch ökonomisch überzeugendes Modell, das mehr als ein Dutzend Mal in Chile und Mexiko kopiert wurde. Seither galt Aravena, der nach dem Architekturstudium von der Baupraxis so desillusioniert war, dass er seinen Job vorübergehend aufgab und eine Bar eröffnete, als Typ eines neuen Architekten, für den Design nicht nur Gestaltung von Oberfläche und Raum, sondern Steuerung von sozialen Prozessen durch ungewöhnliche formale Entscheidungen bedeutet.

          Deshalb wurde ihm die Leitung der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig anvertraut; auch da soll es um Architekten gehen, die als Berater, Aktivisten und Steuerungsfachleute für den sozialen Raum tätig sind. Aravena hat in diesem Bereich – etwa bei der Umsiedlung von fünftausend Bewohnern der von einem Vulkanausbruch zerstörten patagonischen Stadt Chaitén und bei anderen Einsätzen in Katastrophengebieten – viele Erfahrungen gemacht.

          Die Glasfassade umgekrempelt

          Und schon vor Jahren fiel er durch unkonventionelle Konstruktionen und Modelle nicht nur im Bauen, sondern auch bei der Umsetzung seiner Ideen auf: Im Beirat seines Architekturbüros Elemental saß unter anderen der Vorstandsvorsitzende der wegen der Abholzung chilenischer Wälder und Gewässerverschmutzung nicht unumstrittenen chilenischen Ölförderfirma Copec. Inwieweit man solche unschönen Allianzen eingehen muss, um eine neue soziale Architektur auf den Weg zu bringen, ist eine Frage, die in diesem Sommer auf der Architekturbiennale kontrovers diskutiert werden dürfte.

          Dass Aravena neben seiner Rolle als Bau-Aktivist, Manager und Initiator komplexer sozialer Prozesse auch Architektur im engeren Sinn des Wortes produziert, hat er mit dem „UC Innovation Center“ in Santiago de Chile gezeigt: Statt, wie dort üblich, ein verglastes Betonregal zu errichten, in dessen Inneren Klimaanlagen gegen den Treibhauseffekt anarbeiten müssen, krempelte Aravena die Glasfassade nach innen zu einem lichten Hof um und setzte die Außenfassade aus gigantischen dicken, kältespeichernden Scheiben zusammen – und baute so eine Skulptur, in der sich wie nebenbei die enormen Kräfte abzubilden scheinen, die bei Entwürfen für eine sich dramatisch verändernde Gesellschaft am Werk sind.

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