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Nilüfer Göle im Gespräch : „Der Islam ist dabei, einheimisch zu werden“

Ein Burkini? „Im Arabischen existiert das Wort nicht, es ist eine kulturelle Komposition aus Bikini und Burka, so wie auch europäische Muslime eine kulturelle Komposition verschiedener Einflüsse sind.“ Bild: AP

Die Soziologin Nilüfer Göle hat in ganz Europa mit Muslimen geredet, die sonst nicht zu Wort kommen. Die Ergebnisse ihrer bemerkenswerten Studie sind jetzt auch auf Deutsch erschienen.

          Frau Göle, Sie haben vier Jahre lang Untersuchungen in Deutschland, Frankreich, England und anderen Ländern durchgeführt, bei denen Sie Menschen, die Sie „gewöhnliche Muslime“ nennen, danach gefragt haben, was den Islam in Europa ausmacht. Was verstehen Sie unter „gewöhnlichen Muslimen“?

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es sind integriert lebende Muslime, Angehörige der Mittelschicht. Sie fühlen sich als ganz gewöhnliche Bürger, und doch sind sie nicht gewöhnlich. Denn wer gewöhnlich ist, geht in der Mehrheitsgesellschaft unter. Diese Muslime aber fallen auf, da sie ihren Glauben im Alltag leben wollen. Als Konsequenz muss Europa sich damit auseinandersetzen, dass Symbolfiguren des Islam mitten im öffentlichen Leben in Erscheinung treten: etwa durch Moscheen oder durch das Kopftuch. Muslime und alteingesessene Bürger, von denen viele in Folge der Säkularisierung schon fast antireligiös sind, teilen sich denselben öffentlichen Raum. Das führt zu einer gewissen Nähe, aber es kommt nicht wirklich zu einer Verbindung, geschweige denn zu einer gegenseitigen Anerkennung.

          Die Sichtbarkeit des Islam scheint ein großes Problem zu sein. Konflikte entzünden sich oftmals an Moscheebauprojekten oder am Kopftuch.

          Für Unruhe sorgt nicht nur der religiöse Aspekt, sondern auch die Tatsache, dass mit den Migranten eine neue Welt inmitten der Gesellschaft angekommen ist. Ein Großteil der europäische Öffentlichkeit erwartet von Muslimen eine komplette kulturelle Assimilation.

          Es ist also auch ein Konflikt um Kultur?

          Es gibt eine große Ablehnung des Fremden, dabei steht der Islam ganz weit oben auf der Liste. Nicht nur bei Rechtspopulisten, sondern auch bei Intellektuellen aus dem linken Lager, bei Feministinnen und in Teilen der Homosexuellenbewegung. Sie haben gegen die Macht der Kirche gekämpft, um sexuelle Freiheit und Geschlechtergleichheit zu erreichen. Nun fühlen sie sich bedroht von der Rückkehr der Religion im öffentlichen Raum. Sie zeigen sich wenig gewillt, gemeinsam mit Muslimen neue Normen zu entwickeln.

          Es fehlt an Offenheit? Immerhin wird viel über den Islam debattiert.

          Ja, aber die Debatte entwickelt sich nicht so, dass wir aufeinander zugehen würden. Wenn es etwa um Fragen der Halal-Ernährung geht, wird schnell eine Diskussion über Tierrechte daraus. Die Religion wird ausgespart.

          Die Mehrheitsgesellschaft bleibt zu sehr in ihren alten kultureller Grenzen?

          Ja, und damit geht die Debatte an der Realität der Muslime vorbei. Denn sie leben ihre Religion längst nicht mehr so, wie ihre Eltern und Großeltern dies einmal taten. Das wollen sie auch gar nicht, denn sie nehmen sich als Teil der europäischen Kulturlandschaft wahr. Für die meisten steht deshalb außer Frage, dass sie sich einerseits nach den weltlichen Gesetzen richten, andererseits auch die islamischen Vorschriften zu überprüfen haben. Da sie hier als Muslime eine Minderheit bilden, ist ihr religiöses Handeln nicht selbstverständlich. Wer beispielsweise im europäischen Arbeitsalltag fünfmal täglich beten möchte, braucht eine Strategie. Deshalb gehen die jungen Muslime sehr reflektiert an ihren Glauben heran. Indem sie ihre Religion in den öffentlichen Raum einbringen, geben sie Europa einen neuen Farbton. Genauso verhält es sich mit europäischen Konvertiten. Der Islam ist dabei, einheimisch zu werden.

          Wir erleben die Geburt eines spezifisch europäischen Islams?

          Wir erleben, wie der Islam einen neuen Zuschnitt bekommt. Nicht durch politische Lenkung, sondern auf Alltagsebene, an der Basis.

          Die französisch-türkische Soziologin Nilüfer Göle in Berlin

          Sie begreifen den öffentlichen Raum nach Hannah Arendt als einen Bereich für Auftritte. Sie verweisen darauf, dass sich nach Arendt diejenigen als Staatsbürger verhalten, die den Mut haben, ihren privaten Schutzbereich zu verlassen, sich zu zeigen und ihre Besonderheit darzustellen – wenn man handelt und öffentlich in Erscheinung tritt, wird man zum Staatsbürger.

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