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Zwangsarbeit in Russland : Auferstanden als Siegerlager

  • -Aktualisiert am

Ein Wachturm im ehemaligen Strafgefangenenlager nahe der sibirischen Stadt Perm. Bild: AP

Das einzige in ein Museum umgewandelte Straflager in Russland ist unlängst geschlossen, wiederauferstanden und hat seine Botschaft völlig umgekrempelt. Die neue Ausstellung unweit der Stadt Perm wirft Fragen auf.

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          Das einzige in ein Museum umgewandelte Straflager in Russland, Perm 36, ist, unlängst geschlossen, wiederauferstanden und hat seine Botschaft völlig umgekrempelt. Die unweit der Stadt Perm im Ural gelegene Gedenkstätte, wo unter der Sowjetmacht viele Dissidenten einsaßen – der Menschenrechtsaktivist Sergej Kowaljow, der Schriftsteller Leonid Borodin, der ukrainische Dichter Wassil Stus – und wo seit 1996 Leben und Leiden von Strafgefangenen dokumentiert wurden, rechtfertigt jetzt die Zwangsarbeit.

          Eine neue Ausstellung zeigt, wie während des Zweiten Weltkriegs im Lager Holz produziert wurde, das man für Befestigungen, Schützengräben, Unterstände benötigte. Dadurch hätten auch die Lagerinsassen ihren Beitrag zum Sieg geleistet, sagt der Kulturminister von Perm, Igor Gladnew, der diesen Sieg als bedeutendsten der Menschheit einstuft. Die GULag-Schau müsse objektiv und ausgewogen sein, erklärt die noch junge neue Museumskuratorin Jelena Mamajewa, die aus einer zwangsumgesiedelten Familie stammt. Daher erfährt man auch etwas vom Leben der Aufseher, die sich vom Menschenrechtspathos der vorigen Kuratoren beleidigt gefühlt hatten. Gewisse Insassen oder Stalin zu beurteilen sei nicht „politisch korrekt“, bekennt Mamajewa.

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          Die Museumsführer belehren Besucher, die Lagerinsassen seien Kriminelle oder Feinde der Sowjetmacht gewesen, hätten während des Krieges Sabotageakte begangen. Dass Dissidenten wegen erfundener Spionage- oder Sabotage-Vorwürfe ins Lager kamen, wird unterschlagen. Ein älterer Kommunist ist höchst angetan von den Kulturveranstaltungen im Straflager. Allein während des Zweiten Weltkrieges hätten Tausende Abendvorstellungen stattgefunden, darüber sollten die Historiker schreiben, findet er.

          Sklavenarbeit für den Sieg

          Tatsächlich seien die meisten dieser Kulturabende erzwungene Propagandaveranstaltungen gewesen, erläutert der Historiker Viktor Schmyrow, ein Mitbegründer des früheren GULag-Museums. Einen Rentner überzeugt die neue Ausstellung davon, dass die Haftbedingungen in Perm36 akzeptabel gewesen seien. Dabei wisse man aus Briefen der Lagerverwaltung, dass viele Häftlinge mangels Decken und Matratzen auf bloßen Bretterpritschen schlafen mussten und dass viele keine Kleidung oder Schuhe besaßen, erfährt man von Schmyrow. Allein im Kriegsjahr 1943 seien zwanzig Prozent der Insassen gestorben. Das einzigartige Lagerhaftmuseum Perm 36 kam seit der Ukraine-Krise unter Druck.

          Da es auch Schicksale ukrainischer und baltischer Nationalisten dokumentierte, die dort einsaßen, unterstellte eine Hetzsendung des Staatsfernsehens, es propagiere deren „faschistische“ Überzeugungen. Mamajewa, deren Großmutter zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt wurde, weil sie für ihre Kinder im Schuh Getreide schmuggelte, berichtet, sie habe für die neue Ausstellung Holz geschleppt und wisse, wie hart diese – unbezahlte – Arbeit war. Doch auch sie meidet das Wort Sklavenarbeit und spricht lieber vom Beitrag der Region zum Sieg.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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