https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/nicht-dummstellen-die-migrantischen-wurzeln-des-neuen-antisemitismus-13065014.html

Antisemitismus : Nicht dumm stellen

Berlin: Demonstration gegen die israelische Militäroffensive in Gaza Bild: AFP

Alle Beschwichtigungsrhetorik kann nicht darüber hinwegtäuschen: Der aktuelle Antisemitismus hat eine neue Qualität erreicht. Seine Wurzeln liegen in der Türkei und arabisch-islamischen Herkunftsländern. Ein Kommentar.

          1 Min.

          Keine neue Qualität? Was muss eigentlich noch passieren, damit die Beschwichtiger aufwachen? Da können antisemitische Parolen durchs Land gerufen werden, da kann unter Ausnutzung des Demonstrationsrechts mitten in Deutschland der blanke Judenhass ins Kraut schießen, und die Beschwichtiger rufen: Das hat doch alles keine neue Qualität. „Seltsame Leute“ hätten „blödsinnige Parolen“ gerufen, wiegelt beispielsweise der Historiker Wolfgang Benz ab. Da soll Volksverhetzung als Blödsinn durchgehen, da sollen türkisch- und arabischstämmige Antisemiten als komische Vögel verharmlost werden.

          Dieses Dummstellen, diese Verweigerung von Analyse, sobald ein fahles Licht auf Mitbürger mit Migrationshintergrund fallen könnte, hat ideologische Methode. Man relativiert und kontextualisiert die Täterschaften so lange, bis sie unsichtbar geworden sind, damit nur ja kein fremdenfeindlicher Zungenschlag aufkommt. Natürlich sind es immer auch andere. Natürlich gibt es eine unheilige Allianz, die den Judenhass propagiert. Sie reicht von den Neonazis bis zur sogenannten Querfront Jürgen Elsässers. Auch trifft es zu, dass es immer wieder antisemitische Wellen in Deutschland gab, wenn sich im Nahen Osten die Konflikte verschärften.

          Migrantische Wurzeln

          Aber alle Historisierungsversuche können nicht davon ablenken, dass die Schamlosigkeit der augenblicklichen Judenhetze eine neue Qualität erreicht hat. Nein, dieser Antisemitismus lässt sich gerade nicht als der „konstante Bodensatz in der Gesellschaft“ (Wolfgang Benz) beschreiben. Dieser Antisemitismus entspringt nach allem, was man wahrnimmt, maßgeblich den Köpfen von Migranten aus der Türkei und arabisch-islamischen Herkunftsländern; dieser Antisemitismus lässt sich nicht in der unheiligen Allianz der Judenhasser verstecken, und man macht ihn nicht dadurch besser, dass man erklärt, er sei fremdgesteuert von Dunkelmännern aus fernen Ländern. Richtig ist, dass in vielen dieser judenfeindlichen Obszönitäten ein tradierter Antisemitismus aus der Heimat nachwirkt, der nicht ohne seine religiösen Hintergründe erklärt werden kann.

          Man ist weder Rassist noch islamophob, wenn man auch diese religiösen Wurzeln der neuen Judenhetze in den Blick nimmt statt die antisemitischen Pöbeleien bewusst unscharf als Ausfluss mangelnder Integration abzutun. Antisemitismus ist nicht integrierbar. Hier hat jede Beschwichtigungsrhetorik zu verstummen.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

          Weitere Themen

          Elektro-Pionier Vangelis ist tot

          Oscar-Preisträger : Elektro-Pionier Vangelis ist tot

          Der griechische Komponist und Musiker Vangelis ist mit 79 Jahren gestorben. Berühmt wurde der Pionier der elektronischen Musik mit Kompositionen für Filme wie „Blade Runner“ oder „Die Stunde des Sieges“.

          Die Steppe wächst

          Klima und Geschichte : Die Steppe wächst

          Nachhaltigkeit ist nicht genug. Der Historiker Dipesh Chakrabarty plädiert für ein planetarisches Verständnis der Geschichte. In seinem Buch kritisiert er vor allem den „grünen Kapitalismus“.

          Topmeldungen

          Das Uhlenhaut-Coupé im Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart

          Für 135 Millionen Euro : Mercedes verkauft das teuerste Auto der Welt

          Das teuerste Auto der Welt ist jetzt ein Mercedes. Von dem Auto aus dem Jahr 1955 gibt es nur zwei Exemplare. Für die illustre Versteigerung hat der Konzern eigens sein Museum geschlossen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.