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Nicht aufwerten durch Debatten : Pegida oder Jedem sein Vorurteil

  • -Aktualisiert am

Pegida und die Ableger - unser Foto zeigt eine Szene aus Villingen-Schwenningen am 12. Januar 2015 - zum Gegenstand einer öffentlichen Debatte aufzuwerten, ist grundfalsch. Bild: dpa

Ressentiment ist durch Information nicht zu belehren. Die Debatte mit Pegida-Akteuren ist daher nutzlos. Und fahrlässig ist es, ihnen auch noch eine mediale Bühne zu bauen, wie es das öffentlich-rechtliche Fernsehen gerade macht.

          Es ist mehr als ein halbes Jahrhundert her, dass Gordon Allport den folgenden Dialog für seinen sozialpsychologischen Klassiker „Die Natur des Vorurteils“ erfand:

          „Mr. X: Das Problem mit den Juden ist, dass sie immer nur an ihre eigene Religionsgemeinschaft denken. - Mr. Y: Aus dem Bericht über die Spendenaktion geht aber hervor, dass sie für die allgemeinen wohltätigen Aufgaben im Verhältnis zu ihrer Anzahl relativ mehr gespendet haben als die Nicht-Juden. - Mr. X: Das zeigt, dass sie immer versuchen, sich Vorteile zu erkaufen und sich in die Angelegenheiten der Christen einzumischen. Sie haben nichts anderes als Geld im Kopf, deshalb gibt es auch so viele jüdische Bankiers. - Mr. Y: Aber nach einer neueren Untersuchung ist der Prozentsatz an Juden im Bankgeschäft ziemlich gering, viel kleiner als der Prozentsatz an Nicht-Juden. - Mr. X: Stimmt genau, anständige Geschäfte interessieren sie nicht, sie sind eher im Filmgeschäft oder führen einen Nachtclub.“

          Dieser fiktive Dialog enthüllt den psychologischen Mechanismus, der die immer wieder gern geglaubte Annahme, Fehlinformationen ließen sich durch Informationen bekämpfen, in das Reich der Mythen verweist: Menschen mit Vorurteil geht es gerade darum, ihr Vorurteil bestätigen zu lassen. Vorurteile sind Orientierungsmarken und Wegweiser in einer komplexen Welt, weshalb man gern an ihnen festhält, insbesondere dann, wenn sie den Vorteil aufweisen, die Welt widerspruchsfrei zu erklären.

          Man könne ja auch gegen die Abholzung des Regenwalds sein

          Wenn Frau Oertel von Pegida beispielsweise in ihrer Islamophobie mit dem Sachverhalt konfrontiert wird, dass in Dresden ganze 0,4 Prozent Muslime leben, kontert sie ganz lehrbuchhaft, man könne ja auch gegen die Abholzung des Regenwaldes sein, obwohl es in Deutschland keinen gebe. Dass sie sich mit dieser Globalisierung ihres Arguments in völligen Widerspruch dazu begibt, dass man vor allem „vor Ort das Volk“ hören müsse, macht gar nichts. Der Aufrechterhaltung des Vorurteils ist jedes Argument recht.

          Genau deswegen ist es fahrlässig, dem Vorurteil und, schlimmer noch, dem tiefen Ressentiment, eine mediale Bühne zu bauen, wie es gerade das öffentlich-rechtliche Fernsehen macht. In jede Talkshow werden exakt jene eingeladen, die dem Vorurteil der - hauptsächlich Dresdner - Straße öffentliche Präsenz verleihen. Mir ist das unerträglich, weil diese Leute - Gauland, Petry, Oertel - in ihrem Desinteresse an Sachverhalten gerade keine zahlenmäßig relevante Gruppe repräsentieren.

          Das haben ja die Anti-Pegida-Demonstrationen gezeigt; oder wie soll man es interpretieren, dass zum Beispiel in Hannover 200 Menschen für Pegida demonstrieren, aber 19.000 dagegen? Die Randständigkeit jener, die ihre höchst partikularen menschenfeindlichen Positionen artikulieren und von „Tabubrüchen“ schwafeln, wird ausgerechnet durch ARD und ZDF zu besten Sendezeiten aufgehoben, was natürlich in einer Zeit fatal ist, in der eine durch die Morde von Paris hysterisierte Anschlagsfurcht den Pegida-Quatsch auch bei jenen anschlussfähig macht, die die einschlägigen Vorurteile bislang gar nicht geteilt haben.

          Verantwortung für Demokratie zeigt sich auch darin, nicht im Spekulieren auf Einschaltquoten und politischen Krawall Menschen ein Millionenpublikum zu eröffnen, die sich bislang besser im Bereich der nicht-öffentlichen Meinung aufgehalten haben. Weil man dort unter sich bleibt und keinen medialen Resonanzraum findet. Das Ressentiment ist durch Aufklärung nicht zu belehren, es lässt sich daher auch nicht abschaffen. Weshalb die Gesellschaft auch dafür Räume geschaffen hat: das Kneipengespräch, das Schimpfen an der Straßenecke, das Grölen im Stadion. Dort gehört das Vorurteil hin, dort können die es pflegen, die es brauchen. Es zum Gegenstand einer öffentlichen Debatte aufzuwerten, ist grundfalsch.

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