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Nicaragua und die Revolution : Heute heißt es, es lebe die Ignoranz!

Hier blicken selbst die Engel finster drein: Mädchen bei einer katholischen Friedensmesse. Bild: AFP

Einst galt Nicaragua der Linken als revolutionäres Paradies. Wo bleibt ihre Solidarität heute?

          Kaum zu glauben, dass dieses kleine Land irgendwo in Mittelamerika mit seinen knapp sechs Millionen Einwohnern eine solche literarische Kraft entwickeln konnte. Zumal angesichts dessen, dass noch vor vierzig Jahren zwei von drei „Nicas“, wie die Einwohner Nicaraguas liebevoll genannt werden, Analphabeten waren. Damals, kurz bevor die sandinistische Revolution den Diktator Anastasio Somoza hinwegfegte. Doch Ernesto Cardenal erlangte mit seinem Werk „Das Evangelium der Bauern von Solentiname“ erst landes- und dann weltweite Bekanntheit, wie auch weit vor ihm schon Rubén Darío mit „Profane Gedichte“. Bekannte nicaraguanische Schriftsteller sind auch Gioconda Belli und Sergio Ramírez, der 2017 den Cervantes-Preis gewann, den wichtigsten Preis für spanischsprachige Literatur.

          Dass alle vier Schriftsteller auch in die Politik gingen, ist ein lateinamerikanisches Phänomen. Literatur und Politik sind dort oftmals eng verflochten, auch heute noch. Und doch haben sich die Zeiten geändert. Auch in Nicaragua, dessen Präsident Daniel Ortega seit April 2018 Proteste gegen ihn niederschlagen lässt.

          Cardenal, Belli und Ramírez unterstützten die sandinistische Revolution, die Ende der siebziger Jahre das Interesse der ganzen Welt auf sich zog. Auch in Deutschland gab es damals eine Solidaritätsbewegung: „Wir spendeten Geld, halfen als ,Internacionalistà‘ bei der Kaffee-Ernte und gründeten Städtepartnerschaften“, sagte kürzlich der Journalist und Autor Reinhard Mohr im Deutschlandfunk und kritisierte dann das „dröhnende Schweigen“ der deutschen Linken im Hier und Jetzt zu Nicaragua.

          4533 Personen verletzt und mindestens 545 Menschen getötet

          Die nicaraguanischen Schriftsteller dagegen sind weiterhin aktiv: Cardenal, Belli und Ramírez, der zwischen 1985 und 1990 als Vizepräsident amtierte, kritisieren ihren ehemaligen Revolutionsführer Ortega, der, nachdem er 1990 friedlich abgewählt worden war, im Jahr 2006 wieder Präsident geworden war. Bei der Bekämpfung der aktuellen Proteste gegen ihn wurden bis Dezember 2018 nach Angaben der Nichtregierungsorganisation „Asociación Nicaragüense Pro Derechos Humanos“ 4533 Personen verletzt und mindestens 545 Menschen getötet. Andere Menschenrechtsorganisationen geben etwas vage mehr als dreihundert Tote an.

          „Wir leben in einer anderen Diktatur“, sagt Ernesto Cardenal. Der mittlerweile 93 Jahre alte Autor, der schon 1994 aus der sogenannten Befreiungsfront FSLN wieder austrat, avancierte schon in den neunziger Jahren zum Kritiker Ortegas, dem er Korruption vorwarf. Die FSLN, sagte er einmal, sei zu einem Caudillo-Verein verkommen. „Wir wollen in einer demokratischen Republik leben“, sagt er nun. Er leide unter den Repressionen und bete für das Volk.

          Auch Gioconda Belli geißelt die Politik des Präsidenten: „Wir mussten mit ansehen, wie sich jemand, der die sandinistische Revolution 1979 zum Sieg führte, in einen Tyrannen verwandelt hat.“ Sergio Ramírez stimmt in ihre Kritik mit ein: „Ich glaube, Ortega ist nie im 21. Jahrhundert angekommen. Die Figur des Caudillo, die sehr ländlich ist, passt nicht mehr nach Lateinamerika. Siebzig Prozent der Bevölkerung sind jünger als dreißig Jahre; und sie machen jetzt das, was meine Generation mit Somoza gemacht hat.“

          Wer hört auf diese Autoren?

          Und die deutsche Linke? Sie schweigt zu den Verletzten, den Vertriebenen, den Toten. Sie schweigt zur Gängelung von Journalisten, zu den jüngsten Durchsuchungen von kritischen Redaktionen sowie Büros von Menschenrechtsorganisationen und zur Entführung von Bauernaktivisten. Sie schweigt auch zur Unterdrückung der Frauen. Im November wurde die Aktivistin Ana Quirós nach Costa Rica abgeschoben, nachdem sie sich trotz Verbots an Protestmärschen beteiligt hatte, um gegen Gewalt gegen Frauen zu demonstrieren. Die Vizepräsidentin Rosario Murillo, Ortegas Ehefrau, warf Quirós und feministischen Gruppen vor, sich an „Hassverbrechen“ beteiligt zu haben.

          Spätestens die Kritik der linken Schriftsteller Nicaraguas an ihrem ehemaligen Vorkämpfer Ortega müsste wach rütteln. Nicht zuletzt deswegen, weil sie eine besondere Verbindung zu Deutschland haben. Kein Land außer den Vereinigten Staaten hat Ernesto Cardenal häufiger besucht, um seine Bücher vorzustellen. Und Gioconda Bellis Name als Schriftstellerin steht dafür, das traditionelle Frauenbild aufgebrochen zu haben, etwa mit ihrem Gedichtband „Auf dem Rasen“. Ihr Buch „Bewohnte Frau“, mit dem ihr in den achtziger Jahren der internationale Durchbruch gelang, musste sie zuerst in Deutschland veröffentlichen – aus Mangel an Papier in ihrer Heimat.

          Wer hört auf diese Autoren? Die ehedem mit ihnen solidarische deutsche Linke jedenfalls nicht. Sie will nicht wahrhaben, was aus der Revolution geworden ist. „Viva la revolución“ hieß es früher. Heute müsste es heißen: Es lebe die Ignoranz!

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