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Newt Gingrich : Der Parallelweltkrieger

Eigentlich ein Konservativer, manchmal aber Utopist: Newt Gingrich Bild: dpa

Newt Gingrich, möglicher Präsidentschaftskandidat der Republikaner, will eine Mondkolonie und schreibt wilde Romane. Was verbirgt sich hinter seinen Utopien?

          Eine Kolonie auf dem Mond, meint der Mann das ernst? Hört man derlei sonst nicht von abgedrehten Fortschrittsfanatikern, während dieser Newt Gingrich, immerhin in den derzeit stattfindenden Vorwahlen als möglicher republikanischer Anwärter auf die Kandidatur zum Präsidentenamt der Vereinigten Staaten von Amerika gehandelt, doch eigentlich Konservativer ist, also das Gegenteil eines Utopisten?

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Wer Gingrich verstehen will, muss ihn als Produkt einer ganzen Reihe solcher Widersprüche auffassen. Einerseits hält er jede staatliche Intervention ins ökonomische Leben für grundverkehrt und sehr gefährlich. Andererseits repräsentiert er seit vielen Jahren Sponsoren, die über staatliche Rüstungsaufträge fast vollständig von öffentlicher Finanzierung und grobem Protektionismus abhängen (Noam Chomsky, einmal mehr wenig vornehm, verspottet ihn dafür als eifrigen Marktverzerrer und „biggest welfare freak in the country“). Einerseits gilt Gingrich als Pragmatiker, dessen Instinkt für Kompromisse ihm parteienübergreifende parlamentarische Erfolge beschert hat. Andererseits wieder zeichnet er als Verfasser wild spekulativer Science-Fiction-Romane (im Untergenre Alternate History) verantwortlich, die jedenfalls nicht von Pragmatismus und Realitätssinn zehren, sondern vom Gegenteil - Hitler hat darin beispielsweise seine europäischen Feldzüge gewonnen, oder die Sklavenhalterrebellion des amerikanischen Südens war erfolgreich, oder der Angriff auf Pearl Harbor fand unter völlig anderen Umständen als den bekannten statt.

          Diese Bücher, die entweder sehr sachliche („Gettysburg“, „Pearl Harbor“, „1945“) oder wuchtig deklamatorische Titel tragen („Days of Infamy“), bilden auf ihren Seiten Landkarten und Gürtelschnallen ab, enthalten Fotos erschossener Menschen und stolzer Schiffe aus der Realhistorie, aber ihr Verhältnis zur Wirklichkeit, zu Raum und Zeit ist ein okkasionalistisches, dezisionistisches - es kann immer auch anders kommen, als wir bis eben wussten: „Die Schlacht“, heißt es im Roman „Gettysburg“ einmal, „befand sich in der empfindlichsten Balance. Ein Offizier in Panik, ein Flaggenträger, der stürzt, vielleicht ein einzelner Mann, der sich umdrehte und schrie, alles sei verloren, mochten auf beiden Seiten eine Stampede auslösen.“

          Hier werden Maximalträume nicht belächelt

          Gingrich überblickt das Historische demnach als Dialektiker. Und so politisiert er auch: Einerseits ruft die betagte Ikone der Actionfilm-Gewalt Chuck Norris dazu auf, ihn zu unterstützen. Andererseits kann er, wenn er sich davon einen Nutzen verspricht, auch mal ein Gesetz mittragen, das die Privatwaffenlobby verstimmt.

          In Wahrheit schreibt er von einer guten alten Zeit: Newt Gingrich ist mehr als nur Hobbyschriftsteller

          Wie konservativ, wie progressiv darf man diesen Mann finden? In Europa würde jemand, der als Bewerber um ein hohes öffentliches Amt eine Mondkolonie vorschlägt, von der Mattscheibe gelacht. Wir, auf dem Alten Kontinent, haben erlebt, wie aus Fabriken mit den modernsten Maschinen eine soziale Bewegung kam, die prägnante Forderungen nach Formen der sozialen Teilhabe und Sicherheit stellte, welche dem technisch-zivilisatorischen Stand der Moderne gemäß sein sollten. In den Vereinigten Staaten dagegen haben Streitigkeiten um soziale Minimalstandards und utopische Maximalträume diese Schule der Arbeiterbewegung nicht durchlaufen.

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