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New Yorker Szene : Leben mit dem Terror von Boston

  • -Aktualisiert am

Blick auf die New Yorker Skyline mit der Baustelle des Freedom Tower bei Ground Zero Bild: dpa

Sehr weit entfernt scheint Boston von New York, wo der Alltag an diesem Frühlingstag ganz normal weitergeht. Und doch ist Boston sofort ganz nah: Die dortigen Anschläge aktivieren die Erinnerung an den Terror des 11. September.

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          Die Gestalten mit den Maschinengewehren sind wieder aufgetaucht. Auf dem Times Square haben sie Stellung bezogen, breitbeinig, regungslos wie Statuen, allerdings blau uniformiert oder im militärischen Tarngrün. Auch das unterirdische Labyrinth der Penn Station wird von ihnen kontrolliert. Aber sonst? New York brodelt alltäglich vor sich hin.

          Die Stadt ist sogar freundlicher als üblich, sie hat sich ganz diesem sonnigen Frühjahrsnachmittag anvertraut. So will es wenigstens fern vom Fernseher erscheinen. Die Liegebänke auf der High Line, dem Park auf Stelzen, sind allesamt voll bepackt, und in den Straßencafés bleibt kein Tisch in der Sonne lange frei. Es könnte kein schärferes Kontrastprogramm zum Bombenterror in Boston geben.

          Wer weiß schon, wie es hinter den Kulissen ausschaut, in den streng beschwiegenen Überwachungszentralen, wo die Daten ausgewertet werden, die Kameras und mysteriöse Melder pausenlos aus Parks, von Plätzen und von Straßenkreuzungen liefern. Keine Frage, dass dort der Anschlag in Boston Alarm auslösen musste. Aber New Yorker kriegen davon nichts mit. Fast nichts. Boston ist weit entfernt oder, wenn es tatsächlich näher rückt, auf die Dimension des Handys verkleinert. Es ist nicht leicht, die Katastrophenmeldung aus dem Handy mit der ungestörten Einkaufsorgie auf der Fifth Avenue zu vereinbaren.

          Verletzlichkeit als Grunderfahrung

          Dabei braucht es nicht viel, um in New York die Erinnerung an den Terror zu aktivieren. Der neue Riesenturm, der in diesen Tagen auf Ground Zero zu seiner vollen Höhe angewachsen ist, soll eine Wunde heilen, reißt sie aber auch allein mit seiner unübersehbaren Präsenz immer wieder auf. Das ist die Dissonanz, mit der jeder New Yorker zu leben gelernt hat.

          Gerade hier ist die Verletzlichkeit des Lebens zu einer Grunderfahrung geworden. Absurd, sich dagegen zu wehren. Oder zu glauben, jede Gefahr in den Griff zu bekommen. Darum sind vor allem die Töne, die aus dem Fernseher kommen, so unausstehlich. Bilder, die den Schrecken in sich tragen, werden von Meinungen und Kommentaren überlagert, wie sie in ihrer endlosen Spekulationsbereitschaft hirnrissiger nicht auszudenken wären.

          Zwischendurch macht der Lokalsender NY1 eine Blitzumfrage, deren Ergebnis ist, dass 64 Prozent seiner New Yorker Zuschauer nach dem Bostoner Anschlag nicht mehr Angst als vorher haben und auch keine neuen Vorsichtsmaßen ergreifen wollen. Das hat nichts mit fehlender Empathie zu tun. Das ist ein Eingeständnis ihrer eigenen Verletzlichkeit und ihres Versuchs, damit zurechtzukommen.

          Diese Art von Wirklichkeit hat im Fernsehen keinen Raum. Wie nicht anders zu erwarten, wird sogleich im rechten Kampfsender Fox News gefragt, ob die Regierung denn ausreichend Vorbereitungen „für so etwas“ getroffen habe. Die Trauermiene schützt nicht vor politischer Polemik. Je weniger Klarheit herrscht, desto üppiger gedeihen die Spekulationen.

          Der Druck, ohne Unterbrechung News zu liefern

          Der Eine sieht Al Qaida am Werk. Der Andere gibt zu bedenken, dass der Anschlag am Tax Day, am Abgabetag der Steuererklärung, stattgefunden hat. Und der Nächste findet es höchst bedeutsam, dass der Marathonlauf diesmal an dem nur in Massachusetts und Maine gefeierten Patriot’s Day veranstaltet wurde.

          Wäre der Anlass nicht so furchtbar, könnte die Mehrzahl der Reaktionen auf den Nachrichtenkanälen, ob von Moderatoren oder den sogleich herbeigeschafften Waffen-, Munitions-, Terror-, Sicherheits- und Geheimoperationsspezialisten, zu den bestgelungen Satiren der aktuellen Fernsehsaison gerechnet werden. Der Druck, ohne Unterbrechung News zu liefern, auch wenn nichts oder noch nichts zu liefern ist, entlädt sich in einem wilden Umhergeschalte, das über den beständigen Leerlauf mit Hektik und Krawall hinwegzutäuschen sucht. Alles, was je in einem Atemzug mit Terror genannt wurde, wird recyclet, von Al Qaida bis zum Unabomber, von London bis Madrid, von 9/11 bis zum 19. April 1995 in Oklahoma City, von Timothy McVeigh bis zu Usama Bin Laden.

          Das Korrektiv zum permanenten Hocherregungszustand der Nachrichtensender liefern die Networks, die auch bei schwindender Macht und Reichweite in der nationalen Krise noch immer den Ton angeben. Sind ihre Starmoderatoren im Einsatz? Nein, sind sie nicht. Am Abend wird nach Plan gesendet, Talentsuche auf NBC wie ABC, hier „The Voice“, dort „Dancing with the Stars“. Ein paar Kanäle weiter droht Amerika unterzugehen.

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