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New York Times : Den Toten eine Stimme

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Wo sind Romi, Jessica, Stanley, wo Angel, Rocco und Bob? Titelseite der „New York Times“ vom 24. Mai Bild: dpa

Am „Memorial Weekend“ hatte die „New York Times“ eine journalistische Sternstunde: eine Kollektivpoetik des Totengedenkens, das die Tradition von Walt Whitman und Edgar Lee Masters mit der Corona-Moderne verbindet.

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          Namen, nichts als Namen, versehen mit nur jeweils einer persönlichen Angabe, und über all dem die erschütternde Nachricht: „U.S. Deaths near 100 000, an Incalculable Loss“.

          Hunderttausend Tote, ein unermesslicher Verlust: Die bilderlose, grafikfreie Titelseite der „New York Times“ vom vergangenen Sonntag ist binnen kurzem zu einer journalistischen Ikone geworden. In Hunderten Kurznachrufen, die aus Dutzenden, insbesondere regionalen Tageszeitungen zusammengestellt wurden, überführt sie die kalte Opferstatistik, die uns alle durch die Corona-Monate hindurch begleitet, in einen Katalog des gelebten Lebens: „Romi Cohn, 91 Jahre, New York City, rettete 56 jüdische Familien vor der Gestapo“; „Jéssica Beatriz Cortez, 32 Jahre, Los Angeles, vor drei Jahren in die Vereinigten Staaten eingewandert“; „Stanley Marvin Grossman, 83 Jahre, Nanuet, New York, vielen bekannt für seine erstaunliche Donald-Duck-Imitation“, „Larry Sartain, 77 Jahre, Des Plaines, Illinois, stand jeden Morgen um fünf Uhr auf, um die Bibel zu lesen“ – und immer weiter so fort.

          So klar der humanistische Impuls dieser publizistischen Aktion ist, so unzweideutig ist ihre politische Aussage. Donald Trump und seine Regierung handeln ja nicht bloß chaotisch und zynisch, wie jeden Tag aufs Neue zu beobachten ist, sondern auch stil- und empathielos. Das zurückliegende Memorial Weekend, das eigentlich der patriotischen Erinnerung an die Kriegstoten gewidmet ist, machte dies noch einmal eklatant deutlich: Während die „Times“ ihren kollektiven Nachruf veröffentlichte, spannte der amerikanische Präsident auf dem Golfplatz aus. Als ikonographischer Live-Kommentar kursierte im Netz die erwartbare Bildcollage: die Zeitungsseite auf der einen Hälfte, auf der anderen Trump in blütenweißer Sportkleidung.

          „E pluribus unum“

          Aber die Titelseite der „New York Times“ hat noch andere, auch historisch bedeutsame Bezüge. Zum einen lässt die Seite unwillkürlich an das „Vietnam Veterans Memorial“ in der Hauptstadt Washington mit seinen fast 60000 in Granit gehauenen Namen von Kriegstoten denken; vor diesem Hintergrund wirkt ihr Erscheinen ausgerechnet am Memorial Weekend fast schon wieder schlüssig. Vor allem aber gibt es eine literarische Tradition, in der sich die Zeitung bewegt. Walt Whitmans Gedichtbuch „Leaves of Grass“ von 1855, das er zeitlebens immer wieder bearbeitet und erweitert hat, ist der Versuch, das amerikanische, gerade auch New Yorker Leben in seiner ganzen Vielfalt und Gegensätzlichkeit abzubilden. Und er verwendet dazu, wie fast zwei Jahrhunderte nach ihm die „Times“, ein Verfahren der Katalogisierung, dessen Wurzeln seinerseits bis in die antike Epik zurückreichen. In langen Listen erwähnt Whitman die Vielen und Verschiedenen, und zwar in vollkommener Gleichberechtigung. Kritiker sprachen deshalb angesichts der „Grashalme“ schon früh von einer demokratischen Poetik, und bis heute ist Whitman für das liberale Amerika eine zentrale Orientierungsfigur.

          Speziell für das literarische Totengedenken, und in Anknüpfung an Whitman, nutzte auch der amerikanische Dichter Edgar Lee Masters die literarische Katalogtechnik. Das Inhaltsverzeichnis seiner 1915 erschienenen „Spoon River Anthology“ ist eine Liste mit Namen, die auf Gedichte verweisen, in denen die Toten einer fiktiven Kleinstadt im Mittleren Westen zu Wort kommen. Das Werk „Die Toten von Spoon River“, jüngst in einer Neuübersetzung auf Deutsch erschienen, war in den Vereinigten Staaten jahrzehntelang überaus beliebt und gilt dort als der bislang meistverkaufte Gedichtband. Charakteristisch für seine katalogisierende Schreibweise sind schon die ersten Zeilen des Eingangsgedichts: „Wo sind Elmer, Herman, Bert, Tom und Charley? / Der schwache Wille, der starke Arm, der Clown, der Säufer, der Kämpfer?“ Sie sind nicht mehr da, aber Masters hat ihnen ein Denkmal gesetzt.

          Betrachtet man die Titelseite der „New York Times“ aus dieser literarischen Tradition heraus, so ist sie mehr als ein Zeugnis der Bestürzung und der Menschenliebe, mehr auch als eine tagespolitische Volte gegen Trump. Mit Whitman im Rücken verteidigt die Zeitung den Wert des Individuums und, im selben Atemzug, die Lebensform der Demokratie. Aber am bemerkenswertesten ist vielleicht dies: Die politische Auseinandersetzung in den Vereinigten Staaten betrifft nun auch den kollektiven Umgang mit den Toten. Man kann nur hoffen, dass diesen das Schaumschlagen und Schlammwerfen erspart bleibt.

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