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New York Naturschauspiel : Das Universum dreht sich um Manhattan

Die Gesellschaft des kosmischen Spektakels: New York City, 42. Straße, beim Durchgang der Sonne Bild: REUTERS

Archaisches Schauspiel in der Weltstadt: Wie in Stonehenge oder im Tempel von Abu Simbel gibt es bestimmte Tage, an denen die Architektur kosmisch gestimmt scheint. Hunderte lassen sich bezaubern.

          Es ist ein altes Stück, aber eine der jüngsten Attraktionen von New York. Zweimal im Jahr, drei Wochen vor und drei Wochen nach Sommeranfang, geht die Sonne in der Blickachse der Ost-West-Straßen von Manhattan unter. Entdeckt hat dieses Naturereignis der Astronom Neil deGrasse Tyson, der Direktor des Planetariums im American Museum of Natural History. Die Umstände der Entdeckung tragen zum Reiz der Sache bei - und zwar gerade durch ihre Geheimnislosigkeit. Es war schließlich nicht unbekannt, dass die Sonne nicht immer am gleichen Punkt des Horizonts untergeht, sondern zwischen den Wendekreisen hin- und herwandert. Fotografen brauchten nur auf den Tag zu warten, an dem die Sonne die Südseite und die Nordseite der Straßenschluchten gleichmäßig in rotes Licht taucht. Zum Phänomen wurde das Ereignis erst, als es beschrieben und vor allem benannt wurde.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Manhattanhenge: Tyson gab 2002 dem Sonnenuntergang in der Querstraßenmitte diesen Namen. Seitdem finden sich Jahr für Jahr Hunderte von Schaulustigen gegen acht Uhr abends an den vorbezeichneten Tagen möglichst weit östlich etwa auf der 34., 42. oder 57.Straße ein, um das Versinken des Sonnenballs im Fluchtpunkt zu erleben und zu fotografieren. Das naturhistorische Museum lädt an einem der Julitage zu einem Vortrag mit anschließender Gemeinschaftsbetrachtung des Sonnenuntergangs ein. Diese Veranstaltung im Planetarium ist schon Wochen vorher ausverkauft.

          Das amerikanische Stonehenge

          Der Name „Manhattanhenge“ ist etwas ungelenk, die vier Silben gehen einem nicht eben leicht über die Lippen. Jeder sieht, dass es sich um einen abgeleiteten Begriff handelt, das Wort einer Fachsprache, ein elementares Stück Wissenschaft. Aber jeder weiß auch, wovon diese Vokabel sich ableitet. „Manhattanhenge“ ist eine geniale Erfindung des Wissenschaftsmarketings, und es verwundert nicht, dass Tyson für seine Verdienste um die Popularisierung der Sternkunde schon viele Preise bekommen hat. 2007 setzte ihn „Time Magazine“ auf die Liste der hundert einflussreichsten Menschen der Welt.

          Wer das Wort „Manhattanhenge“ hört, sieht die Steine von Stonehenge vor sich, zwischen denen am Tag der Sommersonnenwende die Sonne aufgeht. Der Name beschwört den Mythos einer ursprünglichen Einheit von wissenschaftlicher Kenntnis und religiöser Verehrung des Kosmos. Wir stellen uns Druiden vor, mit langen weißen Bärten wie bei Asterix, die mit vereinter Kraft die gewaltigen Steine aufrichten, aufgrund der Berechnungen von Instrumenten, von denen wir keine Vorstellung haben. Jedenfalls muss eine lange Planungsphase der Herrichtung des Steinkreises vorangegangen sein, und wir bilden uns ein, dass auch die Benutzung der Anlage eine Verlangsamung des Lebens bedeutete, die Synchronisierung des zu heftigen Ausschlägen neigenden Daseins der Barbaren mit dem gleichmäßigen Gang der Himmelskörper.

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