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New York : Daniel gegen Goliath

  • -Aktualisiert am

Die Spitze ist geblieben: Daniel Libeskind mit seinem Entwurf für den „Freedom Tower” Bild: dpa

Euphorie, Entzauberung, Gerichtsklage: Daniel Libeskind hat nun bewiesen, daß er den klassischen New Yorker Dreisprung beherrscht. Der einst gefeierte Masterplaner von Ground Zero ist vor Gericht gezogen.

          Euphorie, Entzauberung, Gerichtsklage: Daniel Libeskind hat nun bewiesen, daß er den klassischen New Yorker Dreisprung beherrscht. Der einst gefeierte Masterplaner von Ground Zero ist vor Gericht gezogen, um 843.750 Dollar einzuklagen, die ihm Larry A. Silverstein, Pächter des World Trade Center und jetzt Bauentwickler des zentralen "Freedom Tower", schulden soll. Silverstein will nur 225.000 Dollar bezahlen und verweist auf die Millionenbeträge, die Libeskind schon von der Lower Manhattan Development Corporation und der Hafenbehörde, der Eigentümerin des Areals, für seine Arbeit am Masterplan erhalten hat.

          Auf Anfrage dieser Zeitung, ob es zu einem Prozeß komme, hält Edward W. Hayes, der legendäre Anwalt, der nun für Libeskind spricht, ein entschiedenes "Vielleicht, vielleicht nicht!" parat. Der Lohnstreit trägt allerdings einen delikaten "culture clash" in sich: Libeskind will nach europäischen Gepflogenheiten abrechnen, während der amerikanische Bauherr von den lokalen, für ihn weitaus günstigeren Berechnungsmethoden ausgeht. Er fordert eine Liste der geleisteten Arbeitsstunden, die Libeskind aber nie geführt hat. Nina Libeskind, die geschäftsführende Frau des Architekten, hat in einer eidesstattlichen Erklärung dargelegt, wie ihre Honorarforderung errechnet wurde. Aufgrund von Presseberichten habe das Büro Libeskind den Baupreis des Freedom Tower auf 1,5 Milliarden geschätzt, somit betrüge das Architektenhonorar, konservativ mit fünfzehn Prozent der Kosten berechnet, 22,5 Millionen. Da Libeskind das Design des Turms David Childs überlassen mußte und nur noch als Berater fungiert, verlangt er für seine Mitarbeit an den konzeptuellen und schematischen Phasen des Designs wiederum fünfzehn Prozent des Honorars oder 3,337 Millionen, wovon er sich mit einem Viertel, also den strittigen 843.750, begnügen würde.

          Nicht erst jetzt unvorteilhaft in die Schlagzeilen geraten

          Mit der Gerichtsklage ist nun die von Libeskind sorgsam gepflegte Fassade der Harmonie geborsten. In der Klageschrift wird Silverstein vorgeworfen, er habe "unredlich vorgegeben", den Masterplan zu unterstützen, ihn mit seinen Aktionen aber torpediert, wo immer er mit seinen persönlichen finanziellen Interessen in Konflikt geraten sei. Wie ein solcher Bruch wieder zu kitten wäre, dürfte selbst Routiniers des notorisch ruppigen New Yorker Geschäftslebens vor die Aufgabe ihres Lebens stellen. Hat Libeskind von New York die Nase voll? Ist der angedrohte Prozeß sein Abschiedsgruß? Hayes sieht das anders. Er versichert, daß die Klage sich nicht ungünstig auf Libeskinds Arbeit in New York auswirkt.

          Der Architekt aber ist nicht erst jetzt unvorteilhaft in die Schlagzeilen geraten. Seinen stetig schrumpfenden Einfluß bezeugte zuletzt die Grundsteinlegung für den Freedom Tower: Der Lichtkeil, der Zugang zu den Schutzwällen, der "Park der Helden" samt Wasserfall, all diese hochsymbolischen Elemente des Masterplans haben nicht oder nur reduziert überlebt. Am Freedom Tower erinnert nur noch die Spitze an den ursprünglichen Entwurf, und einen Auftrag für ein Gebäude hat Libeskind bisher noch nicht. Dafür ähnelt sein veränderter Masterplan nun dem ersten, heftig attackierten Vorschlag des New Yorker Architektenbüros Beyer, Binder and Bell. Auf all dies hatte Libeskind bisher mit unwiderruflich guter Laune reagiert. Den Kompromiß verklärte er zur wahren Tugend des Architekten und Masterplaners; mit einer artigen Verbeugung vor der Marktwirtschaft pries er das Zusammenspiel von Architektenkunst und Entwicklergeschäft, obwohl er ohnmächtig mitansehen mußte, wie er gnadenlos ausgetrickst wurde. Ein Trost mag ihm sein, daß es ihm als Masterplaner von Ground Zero, der er auf dem Papier ja bleibt, an Aufträgen aus der ganzen Welt nicht mangelt.

          Was Libeskind noch von New York erwarten kann, weiß auch Ed Hayes nicht vorauszusagen. Vom Engagement seines Rechtsbeistands ließe sich jedenfalls nicht auf einen entmutigten Architekten schließen. Hayes, eine Stadtlegende, stand denkwürdig Modell für Tom Killian, den abgebrühten Anwalt in Tom Wolfes "Bonfire of the Vanities". So schnell wird er auch vor einem Larry Silverstein nicht kuschen.

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