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Transplantation : Kopflos

Ergeht es bald mehreren menschlichen Köpfen so, wie dem überdimensionalem Marmor-Kopf von Kaiser Augustus? Bereits 2017 soll es soweit sein... Bild: dpa

Sucht der Kopf den Körper oder der Körper einen neuen Kopf? Schon Thomas Mann hatte vor Jahrzehnten die ersten Vorahnungen, was bei der Kopftransplantation alles passieren kann. Jetzt sucht man den Realitätstest.

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          Manchmal muss man sich eben trennen, bevor man in den Abgrund gezogen wird. Das ist biblisch verbürgt im Gleichnis vom Auge, „denn es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder umkomme, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde“ (Matthäus 5, 29). Damals galt noch, dass fort ist, was fort ist. Nachdem aber in den vergangenen Jahren Hände, Arme oder gar Gesichter transplantiert worden sind, kündigte der Turiner Neurowissenschaftler Sergio Canavero vor zwei Jahren die erste Transplantation eines menschlichen Kopfes an. Jüngst legte er nach: Spätestens 2017, so meldet es das Gedankenspielen gegenüber seit jeher aufgeschlossene Fachblatt New Scientist, müssten die drängendsten damit verbundenen medizinischen Fragen gelöst sein, etwa die Verbindung von Kopf und Körper auf nervlicher Basis, damit das Hirn den neuen Rumpf auch steuern kann, und das Feintuning der Immunabwehr, um die heterogenen Gewebeteile dauerhaft beieinanderzuhalten.

          Der Konflikt mit den vertauschten Köpfen

          Der Visionär Thomas Mann, der sich des Problems vor exakt 75 Jahren annahm, löste es noch mit übernatürlicher Hilfe: In seiner Erzählung „Die vertauschten Köpfe“ ist es die indische Göttin Durga, die zwei enthauptete Freunde wieder lebendig macht. Allerdings krankt die Sache an der Nervosität der jungen Sita, die mit dem einen Freund verheiratet, in den anderen aber verliebt ist und die in der Eile den einen Kopf auf den Leib des anderen fügt. Was sie nun hat, entspricht vermutlich Canaveros Vision: Der kluge Kopf büßt seinen schwachen Intellektuellenleib ein und sitzt nun auf dem Körper des Kraftprotzes. Das wirft die aparte Frage auf, mit wem Sita nun eigentlich verheiratet ist, und führt geradewegs in einen Doppelmord samt Witwenverbrennung. Es wäre wohl viel gewonnen, wenn wir endlich unseren Frieden machen würden mit unserem Körper.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

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